Bel Air

5 Uhr am Morgen. Jedenfalls hier.

Ich sitze in Joanas Küche und falle um vor Müdigkeit. Schlafen kann ich allerdings nicht mehr, weil nach der Zeit, nach der ich bisher gelebt habe, ist es bereits 12 Uhr am Mittag. Neben mir hängt Eva über ihrem dampfenden Kakao und ihr geht es ganz genauso.

Ihre Mutter kommt gleich. (Mit ein Grund, warum ich schon wach bin.) Gabby hatte ursprünglich auch zum Flughafen kommen wollen, doch ihr Jet hatte Probleme und hätte erst mit dreistündiger Verspätung starten können, also hat sie entschieden, erst heute zu kommen.

In Los Angeles am Flughafen war ich wie eine Ertrinkende in Joanas Arme gefallen. Allerdings hatte ich brav gewartet, bis Eva gebührend begrüßt worden war. Kinder gehen vor. Immer. Das liegt sogar mir in den Genen und ist etwas, das weder Joana noch ich ändern können.

„Ihr kommt mit zu mir“, hatte Joana längst entschieden, so brauchte ich kein Hotel zu erwähnen. Mein Apartment ist nämlich nach wie vor vermietet und wenn ich die Mieterin jetzt kündige, hätte sie bis 1. November Zeit auszuziehen. Ich habe noch bis Ende Juli um ihr die Kündigung zu schicken. Also nichts überstürzen.

Joana ist von ihrem Jogging zurück. Jetzt wird sie noch irgendwas Grünes trinken und dann für eine Stunde im Fitnessraum verschwinden, bevor sie schwimmen geht.

Ich brauche mehr Kaffee!

Wie es wohl wäre…

Und wie bekomme ich jetzt ihren Mund wieder zu?

Sie sass ausdrucks- und regungslos wie eine Statue vor mir. Wenn sie jetzt jemand angestupst hätte, wäre sie vom Stuhl gefallen.

Ob sie vielleicht die braune Kacke in direktem Zusammenhang mit ihrer grünen Kotze nicht vertragen hat? Sie kommt ja im Fernsehen immer so brav und anständig rüber?

„Pieps“, sagte ich vorsichtig.

Sie hob die Augenbrauen. Immerhin eine Bewegung.

„Und das verliebte Mädchen bist natürlich du, richtig?“

Puh! Sie spricht noch. Scheinbar auch mit mir!

Ich nickte und schaute mich um: „Ist ja sonst keine da.“

Joana atmet hörbar aus: „Machst du eigentlich ständig Witze?“

Ich schüttelte den Kopf: „Nicht immer. Beim Sex manchmal nicht.“

„Manchmal?“

„Okay, hin und wieder. Maze sagt, es käme schon vor.“

„Ich frage jetzt nicht weiter…“ Joana verdrehte die Augen.

„Kannst du nicht mal was anderes trinken? Mir wird echt schlecht von dem Zeug!“

„Von meinem Smoothie?“

Ich nickte: „Muss sowas transzentrales sein.“

„Du meinst transzendentes.

„Ja, das auch. Auf jeden Fall kommuniziert diese grüne Plörre direkt mit meiner Galle.“

Joana wirkte ein wenig als müsse sie ein Bäuerchen machen und schob das Glas von sich. Ich schob es sicherheitshalber ganz an die Seite des Tisches. Vielleicht würde es ja versehentlich runterspringen? Das widerliche grüne Zeug sah ja durchaus lebendig aus.

„Und ganz schön unverschämt bist du auch noch.“

„Nur ehrlich“, sagte ich stolz: „Und das findest du ziemlich gut.“

Joana schüttelte den Kopf: „Ich finde es lediglich interessant, wie jemand so unverschämt sein kann.“

„Lügner.“

„Und was glaubst du, was ich denke?“

„Du verfluchst gerade, dass du hetero bist.“

Sie starrte mich mit aufgerissenen Augen an.

„Und du überlegst wie es wohl wäre, wenn ich dich küssen würde“, fuhr ich fort.

„Eigentlich überlege ich eher, ob ich dir meinen Smoothie ins Gesicht schütten soll.“

„Das hatten wir doch schon“, grinste ich.

„Und nein, ich verfluche nicht, dass ich hetero bin.“

„Du wirst es spätestens tun nachdem ich dich geküsst habe.“

Jetzt fing sie an zu lachen: „Tammy, träum weiter!“

„Erzähl mir nicht, du würdest nicht gerne wissen, wie es ist.“

„Und wenn ich es schon gemacht habe?“

„Mich geküsst? So betrunken kann ich nicht sein, dass ich mich daran nicht erinnern würde.“

„Witzbold! Bildest du dir ein, mit dir ist es besser als mit anderen Frauen?“

„Pah! Ich mache doch hier keine Werbung. Du kommst schon von selbst.“

„Vergiss es!“

„Joana?“

„Ja?“

„Lust auf eine Wette?“

„Nein. Aber hast du Lust am Samstag mit mir in einen Club zu gehen?“

Ich zucke mit den Schultern: „Solange du keine Scheiß-Smoothies trinkst…“

Flucht nach vorne

Scheiße!

Wie kam ich denn da jetzt wieder raus?!

Flucht nach vorne.

„Blablabla…“, sagte ich – und zwar mit heraushängender Zunge, den Kopf in den Nacken gelegt.

„Bitte?“ Joana schaute mich entsetzt an und selbst ihre beiden kleiderschrankartigen Bodyguards, die am Nachbartisch halbe Kühe frassen, waren aufmerksam geworden.

„Hast du mal auf die Uhr geschaut?“, fragte ich.

Joana schaute verstört nach: „Zehn nach Zwölf, wieso?“

„ZEHN NACH ZWÖLF? Du sitzt hier, mitten in der Nacht, säufst grüne Kotze und erzählst einer Lesbe was von stinkenden Schwänzen?! Bist du wahnsinnig?“

Genaugenommen hatte ich sogar recht: War die wahnsinnig?

Grüne Kotze

„Was? Bitte?“ Joana starrte mich völlig verstört an: „Ich erzähle dir hier gerade…“, stammelte sie.

Okay, Tammy. Schock hat funktioniert. Und wie jetzt weiter?

„…dass ich nicht mehr ein noch aus weiß…“

Tammy, beeile dich! Lass dir was einfallen!

„…dass mein Leben…“

Okay, jetzt:

„Hier sitzt eine Lesbe vor dir, die schon ewig hoffnungslos in dich verliebt ist und du redest von deinem Ex? Und von seinem Schwanz?“

„Äh, ja aber…“

Weiter, Tammy, weiter!

„Eine Lesbe, die dich niemals wird besitzen können, weil du auf Männer…“ Und ich schüttelte mich theatralisch. „…stehst? Findest du nicht, es wird Zeit, die Vergangenheit endlich loszulassen um herauszufinden, was die Zukunft für dich bereithält?“

Was für eine unsägliche, schwachsinnige Schmalzscheiße! Runterfahren, Tammy, runterfahren!

„Wenn du weiter wegen diesem Typen rumjammerst, kannst du soviel grüne Kotze saufen wie du willst und scheißt trotzdem nur weiter braune Kacke!“

Und jetzt wieder ein bisschen Schleimspur, Tammy.

„Und wenn ein Feigling DICH verlässt, NUR weil du keine Kinder willst…“

Okay, kurz überlegen: Zuckerbrot oder Peitsche?

Was gibt es da eigentlich zu überlegen?

„…dann hättest du ihm besser den stinkenden Schwanz abgeschnitten und ihm das Ding in den Arsch geschoben!“

Und jetzt noch ein bisschen Hoffnung:

„Und jetzt sitzt hier ein verliebtes Mädchen vor dir, das dich zur Freundin haben möchte, Sex oder nicht…“ (SEUFZ) „…und immer für dich da sein wird. Und, zur Göttin, was werden wir Spaß haben! Sobald du aufhörst über stinkende Schwänze von Jammerlappen zu reden!“

So, das sollte reichen!

Diese ganz bestimmte, eigene Form

„Diese Maze“, fragte Joana während sie ihren Smoothie wieder zurück auf den Tisch stellte: „Sie ist deine – Partnerin?“

Sie machte eine kleine Denkpause vor dem Wort Partnerin, während ich angewidert auf die grüne Brühe starrte, die sie da trank.

„Dieses – Zeug da… Was ist da so drin?“. Ich machte eine kleine Pause vor Zeug.

„Sellerie, Spi…“, fing sie an.

„Wir sind Lover, ja.“ Ich unterbrach sie, weil ich keine Lust hatte schon morgens um kurz vor 12 zu kotzen.

„Wie wäre es mit Kaffee?“, schob ich zur Sicherheit nach, nur um sicher zu gehen, dass sie nicht mit ihrer Aufzählung fortfuhr.

Joana schüttelte den Kopf: „Nicht gut für den Magen. Schon gar nicht ohne Grundlage.“

Ich nickte: „Verstehe ich. Wenn ich kann, nehme ich morgens auch erst einmal einen kleinen Scotch, dann schmeckt das Zeug danach nicht so nach Kaffee. Aber wenn ich arbeiten muss, geht das leider nicht.“ Ich seufzte und blickte über die Stadt. Von der Hotelterrasse aus sah LA ein wenig wie aus dem Cockpit kurz vor der Landung aus.

„Was fliegst du eigentlich?“, wollte sie wissen.

„Flugzeug“, antwortete ich wahrheitsgemäß. Was war das hier? Ein Einstellungsgespräch?

Joana lachte. Ich mochte ihr Lachen. Ich mochte auch ihr Fluchen und ihre Schmerzensschreie. Sie hatte einen kleinen Verband um den Unterarm. Jemand hatte sie gebissen.

Was für ein Flugzeug? Teufel, Tammy, wie kann jemand nur morgens schon so schräg drauf sein?“ Und sie lachte wieder.

Morgens. Immerhin waren wir tageszeitkompatibel.

„Businessjets. Embraer, Citations, Hawkers, Beeches…“ Ich zählte die ganze Palette auf, ob ich sie nun fliegen durfte oder nicht um damit hoffentlich jede weitere Nachfrage obsolet zu machen. Dann fragte ich sie ob es nicht traurig sei, nicht in normale Cafés gehen zu können. Ich hatte wirklich keine Lust Kerosin zu reden. Das musste ich ständig ertragen, weil auch den anderen Piloten für gewöhnlich nichts besseres einfiel. Vermutlich weil sie zu kleine Pimmel hatten oder sowas.

Zu kleine Pimmel?

Sie sagte mir, dass das mit den Cafés schon ginge, doch dass sie dann eben die ganzen Paparazzi ertragen und blablabla… Das Gespräch ging mir auf die Nerven. Ich beschloß nicht mehr wirklich zuzuhören und überlegte, während sie von Bodyguards und Sonnenbrillen redete, ob es zu früh für einen Scotch war. Ab und zu nickte ich freundlich, offenbar an den richtigen Stellen, denn sie redete immer weiter.

Eigentlich hätte ich ja an ihren Lippen hängen müssen, doch – ganz ehrlich – wenn ich mir ihre Filme anschaute, musste ich wenigstens keinen Smalltalk ertragen.

Ich weiß auch nicht was es war: Eigentlich hätte ich ihr jedes Wort von den Lippen reißen, es küssen, daran lutschen und es mir an oder in eine angenehme Stelle drücken oder schieben müssen, so sehr war ich mein Leben lang – und immer noch – in diese Frau verliebt. Doch jetzt gerade war sie eine von den vielen Heteros, deren langweiliges Gelaber mir die Milch im Kaffee sauer werden ließen. Daher die Überlegung bezüglich des Whisys.

Immerhin betrachtete ich die meiste Zeit ihr T-Shirt, unter dem, wenn sie die grüne Kotze ansetzte, die Titten ein wenig wackelten. Der Ausblick schlug LA im Sonnenschein um Längen.

Und dann, als ich zufällig einmal für einen kurzen Moment weiter nach oben schaute, bemerkte ich, dass ihre Augen nass geworden waren. Scheiße! Was hatte ich verpasst? Ich musste mich unbedingt wieder ins Gespräch einblenden!

„Ich verstehe“, nickte ich. Verstehen war immer gut. Mit Verstehen konnte man nie etwas falsch machen.

„Es ist schön, dass du mich verstehst. Dass einem so ein ganz bestimmter Penis fehlen kann. Diese ganz bestimmte, eigene Form, die Größe und der besondere Geruch. Jeder ist anders, weißt du?“

Scheiße!