Poolgedanken

Falls jemand wissen möchte, was aus Zoe geworden ist: Sie ist ein Opfer von Covid-19 geworden.

Nein, nicht sooo. Sie ist schlicht verschwunden, doch ich mache mir keine Illusionen: Egal wo sie sich gerade herumtreibt – sie schmiedet Pläne für ihre Rückkehr. Und ich möchte nicht darüber nachdenken, was passiert, wenn sie hier wieder auf der Matte steht!

Zwischenzeitlich mache ich das Beste daraus, genieße meine neue Freiheit und erfreue mich an der Tatsache, dass es derzeit keinen einzigen Ort auf der Welt gibt, an den sie sich zurückgezogen haben könnte: Die Viren sind überall und haben Zoe das Betätigungsfeld entzogen. Sie hat ihre Daseinsgrundlage verloren.

Wobei natürlich ihr Verschwinden ein Grund weniger für mich ist, mich erneut auf ein Boot zurückzuziehen. (Was mich jedoch ganz sicher nicht daran hindern wird.)

Bis dahin werde ich Miranda noch ein wenig im Vorweihnachtsgeschäft aushelfen. Eigentlich dachte ich ja, um diese Jahreszeit wäre kaum etwas zu tun, doch da habe ich mich wohl gewaltig vertan: die Menschen gehen immer weniger zum Arzt, weil sie Angst haben, sich dort den Virus einzufangen. (Eine Angst, die gar nicht so unberechtigt ist, wie mir ein Arzt heute versichert hat.) Umso mehr sind sie aber auf billige Medikamente angewiesen, die sie unkompliziert bekommen können, d. h. in der Regel, dass sie ihnen von privaten oder staatlichen Initiativen an die Haustür gebracht werden.

Da kommt dann unsere Dash ins Spiel. Nachdem die Banken uns nun auch noch einen Deal für einen 737-Frachter haben platzen lassen, fliegt unsere arme Bombardier Überstunden, wofür Miranda nach wie vor die Piloten fehlen. Es ist eine ganz schöne Plage, Berge von Medikamenten in Kartons auf Sitzen festgebunden zu transportieren, statt sie auf Paletten in den Bauch eines Frachters zu verladen. *seufz (Gar nicht davon zu reden, wie schwierig und langwierig Zollkontrollen werden.)

Wie auch immer…

Die Moody habe ich mir immer noch nicht angeschaut. Sie liegt brav vertäut in ihrer Marina und Mazikeen geht mir damit auf die Nerven, dass sie dort nicht ewig bleiben wird. Jaja…

Ich weiß nach wie vor nicht, ob es Kanada oder Europa werden wird. Einerseits – ach was, nicht schon wieder! Ich sollte mir darüber erst einmal im Stillen klarwerden. Es ist ja nicht so, dass uns jemand in absehbarer Zeit aus Palm Springs vertreiben würde und die Rotmützen sind auch etwas leiser geworden: Sie scheinen in einer Art Post-Election-Blues zu stecken. Mir ist das mehr als recht. Aber ich mache mir auch keine Illusionen: Jede depressive Phase findet irgendwann ein Ende, selbst wenn es nur vorübergehend ist. Spätestens zum Treffen der Wahlmänner werden sich die Trumpers wieder lautstark Gehör verschaffen und dann erneut beim Auszug ihres Idols aus dem Weißen Haus. Er wird schon dafür sorgen.

Bis jetzt jedenfalls, ist es auf den kalifornischen Straßen ruhiger als erwartet geblieben. Derzeit könnte man fast in einer nächtlichen, schwach beleuchteten Seitengasse von LA ficken, ohne Wachen aufstellen zu müssen. Völlig nackt kann man das, aufgrund der Temperaturen, jedoch nur tagsüber und auch nur hier in Palm Springs. Nachts wird es in der kalifornischen Wüste schon weihnachtlich kühler, wobei das Quecksilber heute Mittag schon wieder fast an der 30er Marke gekratzt hat. Für nackt am Pool zu liegen hat es immerhin gereicht.

Wobei ich mich inzwischen schon ins Haus zurückgezogen habe. Am Abend ist Schluss mit lustig. Da funktioniert Nacktsein nur noch beim schweißtreibenden Joggen. Aber obwohl ich durchaus nichts gegen fliegende Titten habe: nicht bei bewegungsintensiven Sportarten.

Wüstengruft

Gestern ist irgendwie gar nichts passiert.

Palm Springs im Winter ist zwar erträglicher als sonst, aber kein bisschen aufregender als im Sommer.

Es trauen sich mehr Rentner auf die Straße. Was immer man von dem Geklapper der Stöcke und dem Rattern der Rollatoren halten mag. Vor dem Virus kam man sich hier in den Cafés wie auf einer Palliativstation vor.

Am Samstag hatte wir 25 Grad. Im Schatten, wohlgemerkt. Und da es Wolken in der Wüste ziemlich selten gibt, kann man die Höchsttemperaturen hier getrost verdoppeln.

Alles weitere Gründe um hier zu verschwinden. Ich schätze, man muss sein halbes Leben in Bel Air gewohnt haben, damit man diese Wüstengruft ertragen kann.

Ich finde, es ist ein Muss, dass es wenigstens ein paar Monate im Jahr kalt ist. Sonst bekommt man doch den Eindruck, dass jemand das Wetter abgeschafft hat, damit Trump beim Golfspielen nicht friert. Und sind wir ehrlich: Es reicht doch, wenn wir im Winter unsere Wohnungen gnadenlos überheizen, damit wir im Wohnzimmer gemütlich ficken können.

Momentan tendiere ich doch wieder zu Europa. Ich glaube dafür, dass es an der nordwestlichen Küste von Nordamerika nur die Fjorde von Kanada und Alaska gibt, lohnt sich der Pazik mit seinen unendlich vielen, viel zu heißen Atolls nicht. Zumal man ewig braucht, um die zu erreichen. Und Asien brauche ich ganz sicher nicht. Und Australien und Co mit ihren viel zu giftigen und viel zu gefräßigen seltsamen Tieren auch nicht. Mir reichen ja schon die Schlangen, Schakale und Geier von Palms Springs.

Norwegen wäre dann wieder meine Wahl, vielleicht auch die schwedischen Berge. Schweden hätte den Vorteil, dass man dort mit Englisch weiter kommt als im Land der Fjorde. Und dass mir dann Daddy nicht ewig auf den Keks gehen würde, dass ich doch wieder zu ihm ziehen soll.

Oder ich wohne einfach nirgends und bleibe auf dem Boot. Wobei Gabby das ganz sicher nicht gefällt. Sie braucht eine Basis, meint sie. Und Joana will in Nordamerika bleiben. Und Mazikeen sagt, sie braucht Wasser vor der Tür.

Und ich will alles.

HILFE!

Gibt es denn niemanden, der mir – ganz uneigennützig – raten kann?

Ich will ins Kalte!

Gabby hat uns versprochen, sich nicht unwesentlich an einer Moody 54 zu beteiligen. Natürlich hat sie ein paar Bedingungen, was durchaus verständlich ist, wenn es um solche Summen geht.

Genau wie ich, will sie allerdings in die Kälte, was bedeutet, dass Sardinien schon mal raus ist. Godland, die Ostseeinsel, hält sie für Zeitverschwendung. („Was sollen wir denn dort?“) Ich kann das schon verstehen, denn das Meer ist wirklich weder Fisch noch Fleisch. Es ist kalt, aber nicht richtig, es ist wild, aber nicht richtig und das Wetter ist meistens auch zum Kotzen. Plus: Das Kattegat habe ich auch schon zwei Mal durchsegelt.

Bleiben Norwegen und Kanada – British Columbia, um genau zu sein – im Rennen. Geographisch gesehen, geben sich die Nordküste von Norwegen und die Westküste Kanadas und Alaskas nicht viel. Island und Grönland reizen mich zwar, doch dann? Zumal ich Island von See her bereits kenne. Grönland selbst ist – seien wir ehrlich – nicht so reizvoll, wie es immer in den Dokumentarfilmen aussieht. Segelt man die Südküste entlang, wird es auf Dauer ziemlich langweilig. Natürlich ist es von dort ein kleiner Sprung nach Neufundland, zum Laurencegolf um dann die US-Ostküste über Maine und Massachusetts nach New York City zu segeln. Aber: alles schon gemacht. Außerdem sind das schon wieder die Staaten. Bermuda ist ganz nett, die Bahamas auch, doch – irgendwie ist das alles altbekannt. Ich bin viel rumgekommen, stelle ich fest.

Bleibt British Columbia und damit das Haus in Squamish.

Die Küste hoch durch die Beringstraße, Alaska umrunden und ein wenig in der Arctic mit Seehunden spielen. Dann kann man sich entscheiden, ob man Japan mal sehen möchte, oder doch lieber in den offenen Pazifik abdreht und die Atolle besucht. Außerdem bleibt im Sommer immer noch die Möglichkeit an der russischen Küste entlang bis nach Norwegen zu segeln.

Das ist es, was Joana sich wünscht: dass wir uns in Squamish ansiedeln. Ich gebe zu, es war ja sowieso schon vor einer Weile meine erste Wahl gewesen. Außerdem macht alleine schon das Segeln in der Georgia Strait und rund um Orcas Island Spaß. Und meine Flieger dorthin zu überführen ist auch kein Ding. Auch die Küstengebirge, die Fjorde und Inseln an der Pazifikküste von British Columbia liegen nur wenige Tagesreisen nach Norden.

Der internationale Flughafen von Vancouver ist gerade mal eine Stunde Autofahrt entfernt, was Gabby und Joana in ihren Jobs entgegenkommt. In Norwegen gestaltet sich das alles schwieriger. Ich selbst kann von dem kleinen, privaten Airport von Squamish aus starten.

Plus: Die Moody liegt derzeit in einer kleinen Marina in Washington, also nur einen Katzensprung entfernt.

Anik würde Squamish als unser neues Domizil natürlich ebenfalls gefallen, denn so „könntest du ja vielleicht hin und wieder aushelfen“. Aber nicht, wenn wir auf große Tour in die Arctic gehen, liebste Schwester.

Was Gabby außerdem verlangt, ist die owner cabin, die größte Kabine, mit mir zu teilen. Etwas das ich ihr nicht geben kann und werde: Wenn Joana an Bord ist, ist sie diejenige, die bei mir schläft. Und zwar in der Eignerkabine. Gabby ist meine Nummer Zwei und das wird sie nicht dadurch ändern, dass sie sich die Kosten des Bootes mit mir – bzw. mit Mazikeen – teilt. Das ist ein Knackpunkt.

Wir werden sehen. Auf jeden Fall stehen eine Menge Diskussionen aus.

Aber ich möchte hier weg. Diese Rotmützen auf den Straßen gefallen mir nicht. Ich möchte einfach meine Ruhe haben. Und Bücher schreiben.

Blut im Cockpit

Natürlich will ich nicht aufhören zu fliegen und natürlich werde ich auch den Job in unserer Firma machen – solange es sie noch gibt. Ich mag es, kleine Airliner zu fliegen und ich liebe es noch viel mehr, privat und/oder beruflich mit meiner Bonanza herumzustreifen.

Aber frau muss sich schließlich für den Moment wappnen, in dem Trump die UBA* vollkommen ruiniert hat.

Deshalb auch die Überlegungen von Mazikeen eher ein hochseetüchtiges Boot zu kaufen, als eines, mit dem wir nur an der kalifornischen Küste herumshippern können. Und die Idee von Gabby sich eventuell daran zu beteiligen.

Ich kann ja nicht. Was so etwas angeht, bin ich vollkommen pleite. Meine alte Ketch steht immer noch in Reunion auf Reede und lässt sich nicht verkaufen, was meine derzeitigen finanziellen Mittel nicht nur bindet, sondern nach und nach weiter reduziert. So ein altes Boot kostet selbst dann Geld, wenn es eingemottet ist und zum Verkauf steht. Ich hatte einen Käufer, doch der hat sie ziemlich schnell wieder zurückgebracht: Sie war ihm zu langsam. Der Rest meines Geldes steckt in Aniks Firma und mir bleibt nur noch mein Grundeinkommen aus einem Hamburger Mietshaus.

Nein, ich will nicht meckern: Finanziell geht es mir ja gut (ich bin unabhängig, wie es so schön heißt), die Situation bedeutet lediglich, dass ich an meine Investitionsgrenzen gelangt bin.

Und jetzt macht auch noch unsere Airline Probleme. Und wieder ist das Arschloch aus Washington schuld! Na ja, nicht wirklich: Es ist ja Mirandas und Aniks Aufgabe Lösungen für die Scheiße zu finden, die dieser Gangster absondert. (Angeblich ist es ebenfalls mein Job, Ideen beizusteuern, doch ich bin Pilotin, mehr nicht! Als Unternehmerin tauge ich nicht, wie man ja in der Vergangenheit gesehen hat.)

Besonders ärgerlich ist in diesem Zusammenhang, dass unsere Firma sich gerade eine Option auf eine nahezu fabrikneue 737 NGX zum Spottpreis gesichert hat, eine Maschine, die ich in und auswendig kenne und die ich genauso gerne fliege, wie unsere Dash 8. Wir waren gerade dabei einen Major Deal mit zwei Studios in Hollywood und einem in LA zu machen, doch jetzt müssen wir aufpassen, dass wir uns nicht übernehmen. Solange Trump sich im Weißen Haus an seinem Schreibtisch festbeißt, weiß kein Mensch mehr, was in den nächsten Wochen und Monaten in den UBA* passieren wird. Und wenn unsere Umsätze zurückgehen, stürzen wir mit der NGX schneller ab als ich „Wir hassen diesen Wichser“ sagen kann. Solche Kosten können wir nur tragen, wenn unsere Umsätze solide bleiben, hat mir Miranda erklärt. Abgesehen davon, scheint Anik in der momentanen Situation ohnehin Schwierigkeiten zu haben, eine Bank zu finden, die den Deal finanziert.

Solche Auswirkungen haben Trumps Widerlichkeiten!

Die Sache mit dem hochseetüchtigen Boot ist so eine Art Notnagel, wenn die Situation hier unerträglich wird. Derzeit verschlimmert sich ja alles nahezu täglich.

Leider musste ich meinem Dämon sagen, dass ich ihr momentan nicht weiterhelfen kann. Weder kann ich investieren, noch kann ich ihr bei der Auswahl ihres Bootes helfen. Blauwassertauglich oder nicht, zwei Kabinen, drei, oder vier? Wie groß? Was für ein Typ? Ich habe keine Ahnung, wir müssen beobachten was passiert. Oder sie muss kaufen, was sie für richtig hält. Ich weiß, dass sie ein Wasserdämon ist.

Zwischenzeitlich muss ich unbedingt versuchen, mir von diesem Arschloch nicht mein Sexleben kaputtmachen zu lassen.

Im Moment geht allerdings die Bluterei so richtig los, da brauche ich mich darum nicht zu sorgen, da bin ich ohnehin unausstehlich. Übrigens auch, weil ich im Morgengrauen mit der Dash rüber nach New Orleans muss. Arbeiten also auch noch! Was bedeutet, dass ich in zwei Stunden in meiner Bonanza sitze und nach Burbank fliege, wo sie stationiert ist.

Sollten heute die Krämpfe richtig losgehen, möchte ich nicht in der Haut der Passagiere und vor allem nicht in der meines Copiloten stecken!


  • UBA: United Banana Republics of America

Morgengespräche

Was für ein Tag das war!

Ja, falsche Satzstellung. Aber es trifft.

Anik ist direkt wieder abgereist. Sie will ja nicht stören. Was ich sehr begrüße. Sie hat mich aber gebeten, eine Ltd. zu gründen und mich selbst als Direktor einzusetzen. Was ich garantiert NICHT tun werde. Ich will mit sowas nichts zu tun haben. Soll sie sich doch einen Dummen suchen, der den Direktor spielt. Ich will einen Arbeitsvertrag als Personalchefin und Chefpilotin und fertig. Auf Null-Stunden-Basis. Darum kann sich dann der Dumme kümmern.

„Okay, wegen mir… Aber den Dummen suche ich aus“, sagt sie.

„Nicht ohne meine Genehmigung“, grinse ich.

„Es geht schon los…“, schüttelt sie den Kopf per Zoom.

„Was dachtest du denn?“

„Dass du dich diesmal raushältst?“

„Was du so denkst…“ Hat sie so früh am Morgen schon getrunken? Ich frage sie.

„So früh ist es in New York nicht“, entgegnet sie.

Auch wieder wahr.

Und dann legt sie auf.

Anik scheint etwas dünnhäutiger geworden zu sein.

„Ist das ein Wunder?“, lächelt Joana, die mit mir aufgestanden ist, weil sie heute zurück nach Bel Air fährt. „Du musst zugeben, dass dein Geschäftssinn nicht der beste ist.“

Jaja… Lästert ihr nur. Außerdem will ich keine Geschäfte machen, sondern fliegen und segeln. Ist das so schwer zu verstehen?

„Und das Geld dafür sollen natürlich die Anderen verdienen“, grinst Joana.

Natürlich. Ich muss ja fliegen und segeln.

Von Fliegern und Zoomsex

Der Sturm scheint aufzuholen.

Der Wind bläst uns inzwischen mit 30 Knoten entgegen und es wird ein wenig ungemütlich. Das scheint auch die kommenden Tage nicht besser zu werden.

Inzwischen mache ich mir Gedanken über die Anrufe von meiner Schwester. Ich gebe zu, dass sie mir nicht aus dem Kopf gehen. Dass meine Krankheit mich im Moment (einigermaßen) in Frieden lässt, tut ein Übriges. Schließlich waren die Nebenwirkungen meiner Medikamente der mehr oder weniger der einzige Grund, warum ich mich vom Cockpit aufs Meer zurückgezogen habe.

Wieder in einem Cockpit… Das wäre schon was… Andererseits weiß ich, dass das nicht von Dauer sein wird. Was dann? Und das große Haus verkaufen? Wenn das schief geht, kann ich meine alten Flieger und mein Boot abschaffen und mich in mein altes Häuschen in Hampshire zurückziehen. Gärtnern oder so. Wie das so ist mit Selbstständigkeit.

Mmh… Und wenn ich einfach zwischendurch nach LA gehe und ein wenig mit meinen alten Fliegern herumflattere?

Meine alten Flieger… Sie gehören nicht mehr mir, sondern Mazikeen. Sie hat sie gekauft, „damit du nicht auf die Idee kommst, sie zu verscherbeln“. Sie hat mir immer versprochen, dass meine Krankheit nicht ewig andauert. Bislang hatte sie Unrecht.

Apropos alte Flieger… Falls sich jemand damit auskennt: Eine Comanche und eine Texan. Die Comanche ist einfach nur geil, obwohl man sowas schon in der Preislage von einem neuen Golf bekommt. Ganz so teuer ist das Fliegen nicht, solange man es nicht übertreibt. Bei der Texan ist das schon anders, die ist ganz schön was wert. Wie gerne würde ich mir die Welt mal wieder von oben betrachten… Wie ist das nochmal? Die Menschen sind mit dem was sie haben nie zufrieden… Jaja…

Anik wird nachher wieder anrufen, da bin ich sicher. Mal sehen…

Bis dahin mache ich Tee und Kakao und lege mich noch eine Runde schlafen. Und wenn ich nicht endlich wieder eine Frau auf die Finger bekomme…

Zoomsex ist auf Dauer auch Scheiße!

T-6 Texan

Beeilung, verdammt!

Heute muss ich mich tatsächlich mal kurz fassen.

Der Sturm hat sich zwar wider Erwarten und erfreulicherweise nach Süden verabschiedet und uns mit halbwegs erträglichem Wetter zurückgelassen, doch vorher musste er uns dummerweise noch einige Schäden am hinteren Mast und diversem Rollgut hinterlassen.

Das zu reparieren ist keine einfache Aufgabe. Vor allem, weil das Boot optimalerweise bis Anfang nächster Woche wieder voll einsatzfähig sein sollte, weil die Chance besteht, dass der Sturm uns dann noch einmal beehren wird.

Meine Hauptaufgabe heute besteht also darin meinem Dämon zu assistieren und zu fluchen, dass die Arbeit nicht schnell genug voran geht.

Also sorry, liebes Tagebuch: morgen mehr.

Abwechslung

Das Wetter wird nicht besser.

Kurz Tee fassen und wieder zurück in den Sturm.

Dabei noch schnell Eva „hallo“ sagen. Ken beruhigen, er ist bei so einem Wetter nicht gerne unter Deck und ich gebe zu, dass wir ihn oben verdammt gut gebrauchen könnten.

Stattdessen spielt er Kindermädchen und Krankenschwester, der Arme.

Andererseits hat der Wind nachgelassen. Er bläst immer noch ganz ordentlich – vor allem in den Spitzen – doch er gibt uns eine kleine Atempause, bevor es wieder heftiger wird.

Soviel als Update.

Ich brauche Sex, erwähnte ich das schon?

Rennbootblut

Es ist gerade wirklich nicht so gemütlich.

Das wäre so der Punkt an dem ich Joana gebrauchen könnte. Oder Gabby. Für eine kleine Ablenkung unter Deck zwischendurch. Andererseits müssten wir ziemlich auf die Beiden aufpassen, weil sie sich kaum für drei Tage unter Deck einsperren lassen würden. Und das wäre dann alles andere an witzig.

Der Wind hat noch zugenommen.

An Deck geht es längst nicht mehr ohne Sicherungsleine. Wer hier ins Wasser fällt – und tschüß. Bei sieben Meter hohen Wellen sind Suchmanöver aussichtslos. Außerdem schießen wir bei achterlichem Wind mit bis zu 9 Knoten durchs Wasser. Ernsthaft! Geil so ein Tempo mit einem alten Zweimaster! Wobei ich Maze jetzt verbieten werde Butterfly zu fahren. So ein Irrsinn: ein oder zwei Patenthalsen und unsere kleine Mannschaft ist dezimiert! Das wäre ihr „Rennbootblut“, sagt sie.

Und ich dachte immer, sie wäre ein Dämon…

Nächster Halt Madagaskar?

Joana scheint ganz schön mitgenommen von der Situation zu sein.

Sie hat mir gesagt, dass sie den „selbstherrlichen Gangster in DC“ am liebsten selbst umbringen würde. Aber so etwas mache frau ja nicht…

Beide, Gabby und Joana, wären lieber heute als morgen wieder an Bord. Ich bilde mir nicht ein, dass es wirklich wegen mir ist: Gabby dreht bald durch ohne Eva und Joana will dem Virenchaos entkommen.

Leider muss ich sie enttäuschen: Bei dieser Wettersituation segeln wir auf keinen Fall Richtung afrikanische Küste. In etwa 10 Tagen sollten wir Madagaskar erreichen, dann besteht vielleicht eine Chance die beiden aufzunehmen. Falls das Wetter mitspielt.

Aber wetten würde ich da auch nicht drauf. Die Sicherheit des Bootes – und die von Eva – geht vor!

Wenn uns allerdings der Kakao ausgeht…

Ruhe vor dem Sturm?

Ich will gar nicht darüber nachdenken, was ich alles zu tun hätte, würde ich noch am „normalen“ Leben teilnehmen. Hier heißt es chillen. In erster Linie.

Und für Eva Kakao kochen.

Natürlich muss ich mich auch hier an Bord um das normale Leben kümmern. Aber das heißt wirklich nur organisiert zu bleiben, um keine Vertragstermine zu verpassen, Bankkonten kontrollieren, Mieteinnahmen überprüfen und solche Dinge eben. Das meiste davon erledigt sogar noch meine Mutter. Easy also.

Mit Ausnahme… Mit Ausnahme der Dinge, die ich für Joana erledige. Und das heißt in erster Linie mich mit ihren Anwälten und ihrem Manager herumzuschlagen, um dafür zu sorgen, dass alles nach ihren Wünschen läuft. Was es meistens nicht tut.

Im Prinzip habe ich also meine Alltagserledigungen gegen ihre getauscht. Ich tausche lediglich 4stellige Geldsummen gegen 6-7stellige. Sie hingegen kann sich um ihre Schönheitspflege kümmern. Irgendwie auch nicht so ganz fair.

Was soll’s, ich will ja nicht klagen. Die meiste Zeit bleibt in der Tat für’s Chillen.

Momentan allerdings haben wir ein kleines Problem. Rein wettertechnisch. Die momentane relative Flaute wird sich zum Wochenende hin in einen ausgewachsenen Orkan entwickeln. Wir rechnen mit 35+ Knoten Winden, Boen bis Windstärke 10 und Brechern zwischen 4 und 9 Meter Höhe. Und das Ganze über mehrere Tage.

Nicht, dass das für uns und unseren Zweimaster nicht zu bewältigen wäre, doch man versucht so etwas lieber zu umgehen. „Abwettern“ nennt man das. Momentan können wir allerdings nur hoffen, denn zur Zeit sieht es so aus, als könnten wir dem Wetter nicht ausweichen.

Es geht das Seemansgarn, dass Cape Hope und das südliche Seegebiet von Afrika vor allem wegen der hohen Sturmtätigkeit das „Kap der Guten Hoffnung“ genannt wird.

Auf jeden Fall bin ich gespannt, wie Eva die Sache nimmt. Bislang hat sie sich als ziemlich angstfrei erwiesen, doch in so ein Wetter sind wir bislang mit ihr auch noch nicht geraten.

Noch verbringen wir unsere Zeit mit den Wetterseiten und unseren meterologischen Geräten. Einen Weg das Wetter zu umgehen, zeigt sich jedoch bislang nicht. Andererseits: Die Chance auf einen plötzlichen Wetterwechsel besteht auch in diesem Seegebiet. Die Hoffnung stirbt zuletzt: Ein ausgewachsener Sturm auf See ist alles andere als romantisch.

Vor allem ist so etwas Knochenarbeit. Zumindest auf der Lady Brendan. Hier ist alles ziemlich ursprünglich. Was die Seglerei angeht, ist herzlich wenig automatisiert. Hier geht so gut wie nichts auf Knopfdruck. Hier werden die Schoten von Hand gefiert und hier klettern wir bei so einem Wetter auch schon mal selbst den Mast hoch um die Segel zu reffen oder einzuholen, weil sich das Tuch irgendwo eingeklemmt hat. Alles ganz wie früher. Ein 50 Jahre altes Boot ist ein 50 Jahre altes Boot. Aber dafür wissen wir auch, das das Boot macht, was wir wollen und nicht das, was irgendwelche Computer ihm einreden.

Aber gut: Die Chance, dass der Sturm uns im Süden passiert, ist da. Und wenn nicht: Man kann ja nicht ununterbrochen nur chillen, richtig?

Sofern die Maste halten…

Dass Eva ihr Kind in meiner Obhut gelassen hat, war mehr als eine Überraschung.

Ich könne mir gar nicht vorstellen, was das für ein Vertrauensbeweis sei, meint Joana.

Doch, ich kann es mir vorstellen: Entweder will Gabby das Balg loswerden, oder sie ist völlig verrückt geworden.

Ernsthaft jetzt mal: Hier draußen ist es gar nicht so ungefährlich und Gabby weiß das. Vor allem auch, weil wir jetzt in den Indischen Ozean segeln und der ist um diese Jahreszeit – Winter – gar nicht so ungefährlich. Hier entstehen eine Menge Stürme, die dann Richtung Süd-Australien ziehen und die Chancen stehen gar nicht schlecht, dass uns der eine oder andere erwischt.

Gabby wird uns auf alle Fälle auf Réunion treffen; ob sie bleibt, wird sich zeigen.

Quelle: Google Earth

Joana arbeitet sich gerade durch Interviews und Talkshow-Auftritte. Sie kann es einfach nicht lassen. Ich verstehe es nicht – Verpflichtungen hin, Verpflichtungen her.

Na ja, ein wenig verstehe ich es schon, ich weiß ja, dass es ihr eigentliches Leben ist und sie nichts anderes kennt. Trotzdem…

Wann Joanas und Gabbys aktuelle Produktionen weitergehen, steht noch in den Sternen. In Kalifornien sieht es ja im Moment ziemlich schlecht aus und auch New York City hat noch enorme Probleme. Ich werde es erleben.

Sofern die Maste halten…

Auf jeden Fall ist es eine ganz neue Sache für mich, die alleinige Verantwortung für ein kleines Kind. Immerhin ist Eva ja ganz pflegeleicht.

Eines zeigt es mir auf jeden Fall: Eigene Kinder – never – ever!

Wer ist Jonathan?

Eva hat mir erklärt, dass es auf einem Boot zwar toll wäre, aber Jonathan würde fehlen.

Jonathan. Aha.

Wer ist Jonathan?

Ihr Spielkamerad, der manchmal beim Home Schooling dabei ist. Sozusagen eine Zweier-Schulklasse.

Und Home Schooling per Zoom-App wäre zwar okay, aber ohne Jonathan doof.

Okay aber doof. Aha.

Er könne nämlich ganz toll kämpfen. Und das ginge per Zoom nicht.

Auf meinen Vorschlag hin, ich könne ihr doch ab und zu eine scheuern, hat sie mich nur mitleidig – und ich glaube auch tadelnd – angeschaut.

War ja nur eine Frage…

Aber wo bekomme ich jetzt einen Jonathan her?

Tanzparty

Diese Welt ist irgendwie traurig geworden.

Nicht mehr an Land gehen wo man will. Kein Händeschütteln mehr. Kein Sex mit Fremden mehr.

In der Marina standen Einheimische mit sündhaft teuren Kippen im Mund. Andere rauchten irgendwelche Unkräuter. Rauchverbot in Südafrika. Und in Kalifornien werden erneut die Kneipen dichtgemacht.

Am Traurigsten: All die Verschwörungsspinner, die wie die Lemminge ihren Gurus hinterherrennen.

Wie lange das wohl noch so gehen wird?

Ich habe mich wieder für ein paar Wochen ausgeklinkt. Blauwasser ist virenfrei. Noch.

Was ich am meisten vermisse: Die Clubs und das Tanzen. Ich muss mich bewegen.

Für heute Abend habe ich mich mit Eva zur Tanzparty in unserem Salon verabredet. In der Stunde müssen alle Anderen draußen bleiben.

Die Kleine muss tanzen lernen und ich brauche ein Ventil.

Jetzt müssen wir uns nur noch auf die Musik einigen.

Sei brav zum Captain

Nicht, dass jetzt jemand denkt, ich würde mich über kindlichen Besuch auf meinem Boot freuen! Bewahre! Ich will lediglich, dass die Mutter zurückkommt und dafür ist so eine Sechsjährige ein garantiertes Faustpfand!

Gabby stößt auf Réunion wieder zu uns – entweder um ihre Brut abzuholen, oder um noch ein Weilchen länger zu bleiben.

Ich muss zugeben, dass ihr die Überraschung wirklich geglückt war. Als sie mich gefragt hatte, ob Eva noch ein wenig bleiben kann, war ich wirklich perplex und für einen Moment sprachlos gewesen. Bis ich mein „Bist du bescheuert?“ hatte herausbringen können, hatte es eine volle Sekunde gedauert.

Dummerweise hatte sich das direkt vor Eva abgespielt. Die Tricks der Frauen: Natürlich war das Absicht gewesen, denn ich konnte vor der Kleinen ja schlecht mit „Nimm deine Brut und sieh zu, dass du Land gewinnst!“ antworten, was meine logische Antwort gewesen wäre.

Mein „Bist du bescheuert?“ konnte ich nämlich gerade noch mit „Wieso sollte ich die Kleine nicht an Bord haben wollen? Ich liebe sie doch!“ ergänzen. Dass ich es mit zusammengebissenen Zähnen herauspresste, konnte das kleine Kakaomonster bestimmt noch nicht werten.

Und da Gabby in diesem Moment ihrem Fahrer ihren Seesack in die Hand drückte und mir im Gehen noch einen Kuss zuwarf, waren meine Möglichkeiten ausgeschöpft gewesen.

ICH HASSE FRAUEN!

„Sei brav zum Captain!“, hatte Gabby ihrer Tochter dann noch zugewinkt.

ALS OB!

Wie oft?

17 Grad.

Es wird Zeit hier zu verschwinden!

Das ist doch krank: Wir segeln an der afrikanischen Küste entlang und haben englisches Wetter, während in Deutschland Sahara-Temperaturen herrschen!

Ausserdem: Der Virus ist in Südafrika wohl komplett außer Kontrolle geraten. Als wir heute Morgen die Marina verlassen haben, hieß es im Radio, dass man plant die Grenzen zu schließen. Ich glaube, wir sind gerade eben einer Quarantäne entgangen.

Das hätte mir gerade noch gefehlt!

Joana hat geschrieben, dass sie in zwei Stunden in LA landen.

Seufz.

Sie schreibt, dass ein Weiterarbeiten noch in den Sternen steht, dass sie aber dringend private Angelegenheiten regeln muss. Verstehe ich. Vor allem, weil ich es bin, die sich mit ihren Anwälten und ihren Steuergeschichten herumschlagen muss! Wenn alle Megareichen sich mit so einem Mist beschäftigen müssen, dann bleibe ich lieber arm. (Okay, arm ist sicher nicht der richtige Ausdruck, doch im Vergleich zu Joana und Gabby bin das irgendwie schon!)

Joana hat gefragt, wie oft ich seit ihrer Abreise schon masturbiert hätte. Irgendwie ist sie von dem Thema besessen. Schon immer gewesen. Und immer nickt sie „Wow!“, wenn ich ihr auf so eine Frage ehrlich antworte.

Blöde Kuh!

Rohrstock

Wir müssen hier weg, es ist eindeutig zu kalt!

Morgen Früh geht es los Richtung Réunion. Die Vorräte sind gebunkert (Tequila!) und alle Tanks sind gefüllt.

Zuerst Richtung Osten, dem Sturm hinterher.

Aber zuerst noch eine gefährliche Nacht mit meinem Dämon: Sie hat mir versprochen, mir die Hölle auf Erden zu bereiten, wenn ich nicht aufhören würde zu jammern.

Devise: Jammern bis Sex und am Morgen frisch und fröhlich und einer Menge neuer blauer Flecken ans Werk!

Ich wette, sie packt den Rohrstock aus!

Lechz!

Sexistisch

In der Marina.

Bin bis jetzt nicht dazugekommen etwas zu schreiben, da das Wetter doch schneller ungemütlich wurde als erwartet: 30-40 Knoten-Winde bis in die Bucht hinein.

Ken ist sauer, weil wir so spät waren. Na ja, hat gereicht.

Ich sollte aufhören Joana nachzutrauern.

Ich werde jetzt Mazikeen bei ein paar Reparaturen helfen. Unser alter Volvomotor zickt ein bisschen. Wahrscheinlich ist das Ding eine Volvo und nicht ein.

Sexistisch? Wegen mir. Manchmal mag ich sexistisch, vor allem wenn es nützlich ist.

Bis später.

Innovativ bleiben!

Wie gut, dass unsere Kühlschränke neu sind und wunderbar funktionieren! Warme Milch kann ich nämlich nicht leiden.

Außerdem werde ich auf Hafermilch umsteigen – wegen dieser unsäglichen Massentierhaltung – sofern wir die hier in ausreichender Menge bekommen können. Nebenbei bemerkt: Es ist schon erstaunlich, wieviel Proviant für eine mehrwöchige Seereise zusammenkommt!

Spannenderweise wird das Wetter hier immer kälter und dümmer: 13 Grad und Regen! Ich weiß schon, warum ich nicht nach Afrika will. Und wenn ich mir das hier so betrachte, dann geht die Reise jetzt wohl eher wieder nach Norden zum Äquator statt südlich Richtung Antarktis. Kälte kann ich nämlich genausowenig leiden wie warme Milch.

Hier sind ein paar Reparaturen angesagt: Am Boot und an meinem Kopf. Trauern kann ich nämlich auch nicht ausstehen!

Ich vertreibe mir die Zeit mit schreiben und masturbieren, wobei beides oftmals ursächlich zusammenhängt. Ich glaube, wenn ich weniger schreiben und lesen würde, wäre mein sexueller Hunger nur halb so groß. Allerdings tut es für mich auch oftmals die guten Stimmen von guten Sängerinnen: die Gaga ist so ein Beispiel. Und wenn ich mir dann so Sachen wie „Sexxx Dream“ anhöre und sie davon singt, wie sie es sich selbst macht…

Ich bin eben ein Opfer meiner Lust. Hier stehe ich und kann nicht anders… Wobei ich es tatsächlich auch im Stehen gerne mache. Das hat was. Immer nur herumliegen dabei… Innovativ bleiben, lautet die Devise!

Apropos innovativ… Wie gerne wäre ich jetzt losgezogen um die örtliche Sexshopszene auszuchecken…

Ich hasse Viren!

Cape Town

Angekommen.

Endlich oder auch leider. Wie man’s nimmt.

Bei 17 Knoten Gegenwind war es nicht ganz so einfach in die Hout Bay einzufahren. Wie üblich haben wir es trotzdem mit gesetztem Tuch gemacht – was einigen Kapitänen nicht wirklich gefiel. Ähem… Aber wo gespart werden kann…

Wir ankern jedoch noch ziemlich weit draußen in der Bucht, was aber bei Wetterverschlechterung vermutlich nicht die Lösung sein wird. Obwohl in den Hafen einzulaufen wegen des Virus vermutlich auch keine tolle Idee ist, wird uns wohl nichts Anderes übrig bleiben: Spätestens Samstag erreicht uns von Westen her ein Sturm, dem wir selbst dann nicht entkommen könnten, wenn wir unsere Mädels über Bord werfen und sofort weitersegeln würden. Wohl oder übel werden wir das Wetter wohl im Hafen aussitzen müssen. Am Sonntagmorgen machen wir uns dann in aller Früh Richtung Osten davon. Bis dahin haben wir genug Zeit unsere nächsten Ziele zu planen.

Eine Pause tut allen Beteiligten sowieso ganz gut.

Joana, Gabby und Eva bleiben noch für eine Nacht, allerdings sind meine beiden Frauen so müde, dass sie nicht mehr aus den Augen schauen können. Ich habe sie wohl ganz schön auf Trab gehalten. Doch ich gebe zu, dass auch ich nicht mehr die Wacheste bin. Vor allem, da ich direkt danach – wonach ist ja wohl klar – an Deck gestolpert bin und mit Ken und Mazikeen das Boot an der felsigen Küste entlang gesteuert habe. (Unser erstes Ziel war nämlich die viel größere False Bay gewesen, doch nach allem, was uns gesagt wurde, wäre das keine gute Idee bei dem aufkommenden Sturm gewesen.)

Also werde ich jetzt erst einmal eine Auszeit nehmen: Schlafen. Wenigstens ein bisschen. Danach gibt es vermutlich Fisch, denn Ken ist schon wieder mit der Angel unterwegs.

Ich weiß schon: Auf meinem Grabstein wird stehen: „Hier ruht eine Quecksilberstatue“. Denn Verbrennen wird ja vermutlich bei dem Metallgehalt nicht funktionieren.

Hout Bay, South Afrika

Reiseplanung

Gähn.

Der Wind hat nachgelassen und ist jetzt nicht mehr als eine leichte Brise. Was unsere Ankunft verzögert. Also Zeit gewonnen.

Die vergangene Nacht war harsch. Ich kann überhaupt nicht so weit zählen, wie es nötig wäre um meiner Orgasmusflut gerecht zu werden. Wie soll ich bloß wochenlang ohne Joana auskommen?

Mazikeen sagt, ich soll aufhören zu jammern.

Sie hat ja Recht. Trotzdem…

Irgendwie wird mir jetzt erst bewusst, wie abgöttisch ich Joana liebe. Nicht, dass ich es nicht gewusst hätte, doch wissen und bewusst werden sind unterschiedliche Dinge – glaube ich.

Ich soll mich auf meine zukünftigen Abenteuer konzentrieren, sagt Mazikeen. Meinetwegen. Aber erst wenn Joana von Bord gegangen ist.

Reunion ist angedacht. Es liegt rund 400 Meilen östlich von Madagaskar und damit etwa 2,100 Meilen nordöstlich von Cape Town im Indischen Ozean. Wobei wir natürlich noch um die Südspitze Afrikas herumsegeln müssen. Außerdem: Wenn ich von „Meilen“ schreibe, dann sind natürlich immer internationale nautische Meilen gemeint und nicht etwa die Meilen, die z.B. in England als Längenmaß gelten. (1 nautische Meile = 1,852 Kilometer.)

Da es sich bei Reunion um ein französisches Überseegebiet handelt, gelten hier die Einreisebestimmungen Frankreichs, was also kein Problem darstellen sollte. Zumindest im Moment nicht.

Es gibt aber Alternativen. Wir werden das in den kommenden Tagen besprechen.

Für mich geht es eigentlich hauptsächlich darum, wie lange wir jeweils unterwegs sein werden und ob unsere nächsten Ziele Flughäfen besitzen. Was dann leider die Crozet-Inseln oder die anderen subarktischen Inseln ausschließt. (Wobei ich eigentlich wirklich gerne die arktischen Pinguine gesehen hätte.)

Aber wenn ich mich zwischen Pinguinen und Joana entscheiden muss…

So, jetzt muss ich mich aber wirklich mal von Gabby und Joana erholen. Wenigstens ein paar Stunden.

Nur einen Flug entfernt

„Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist“, sagt Ken gerne. Diesmal meint er die Abreise der Girls.

Mal sehen.

Eigentlich hat Ken immer Recht (weswegen ich ihn schon zig Mal verflucht habe). Diese Rechthaberei kann ziemlich nervig sein.

Egal.

Leider hat er mir nicht wirklich verraten, was er damit gemeint hat. Vielleicht liegt es daran, dass er immer Recht hat: Auslegungsfähigkeit seiner Aussagen?

Wie auch immer: Wenig Wind, viel Fahrt, heißt es gerade. Alles Tuch gesetzt, unklusive Stag. So holen wir auf – endlich – Raumkurs aus der Ketch 5,8 Knoten bei nur 10 Knoten Wind heraus. Nicht schlecht für eine alte Dame.

Wobei sich natürlich die Frage nach dem „Warum das Tempo?“ stellt.

Ken sagt, „weil wir es können“. Ich sage, „weil ich blöd bin“. Ich will meine Mädels doch gar nicht loswerden!

Mazikeen grinst nur. Blöde Kuh!

Noch zwei Tage auf See. Also zwei Nächte. Ich werde versuchen, zwei schlaflose Nächte daraus zu machen.

Eva nörgelt. Sie will nicht weg. Gibt’s das? Eine Sechsjährige, die lieber auf einem Boot eingesperrt ist, als mit ihrer Mutter in Villen und Luxushotels herumzuhängen? Tja, dabei kann ich ihr leider nicht helfen. Ich kann mir ja selbst nicht helfen!

Mazikeen hat Landgang in Cape Town vorgeschlagen. Klar: Dämonen kennen keine Viren. Wir Sterblichen schon. Sie meint, man könne durchaus auch vorsichtig sein.

Exakt! Und dann den Virus aufs Boot schleppen, damit die Lady Branden dann als Geisterschiff auf dem Indischen Ozean herumtreibt!

Ich weiß, Übertreibung. Trotzdem: Nicht mit mir! Gerade Südafrika! Nein, danke. Wir werden mal in 4 Wochen anfangen über einen Landgang nachzudenken.

Apropos 4 Wochen… Ich habe mich immer noch nicht entschieden, wohin die Reise nach dem Kap gehen soll. Ich habe derzeit leider immer nur das Eine im Kopf. Und wenn gerade nicht, dann zerfliesse ich vor Selbstmitleid. Ja, ich! Ich weiß: saublöd! Leider nicht zu ändern.

„Sweetheart“, sagt Maze: „Es ist nicht das erste Mal, dass sie nicht da ist.“

Ja, aber das erste Mal, dass ich nicht weiß, wann sie zurückkommt und ich sie nicht einfach besuchen kann!

„Denk dran, mein Schatz“, hat Joana sonst immer gesagt: „Ich bin nur einen Flug entfernt.“

Jetzt sind es ein Flug und eine wochenlange Seereise! Fuck! Fuck! Fuck!

Ich jammere schon wieder. Ich weiß!

Aber es ist MEIN Tagebuch und da jammere ich so viel ich will!

Voll befriedigt

Ja, genau das hatte ich gebraucht: eine Deckparty.

Unser alter Zweimaster hat zwar kaum Platz an Deck und wir mussten für die Party auch ganz schön umräumen, doch gelohnt hat sich es allemal!

Wir haben die Segel eingeholt und den Diesel in niedrigen Drehzahlen laufen lassen, damit wir erstens nicht soweit vom Kurs abkommen und zweitens nicht so sehr vom Seegang traktiert werden. Trotzdem hat der meiste Spaß im Sitzen stattgefunden.

Aber die Spritverschwendung hat sich gelohnt. Vor allem der zweite Teil der Nacht – der ohne Eva – war äußerst zufriedenstellend (*grins), denn Joana und Gabby hatten ziemlich geladen und hingen schließlich beide an mir und aneinander. In mir auch ein wenig.

Das Wichtigste jedoch: Joana hat den Biss abgehakt (okay, sie durfte mir dafür noch eine Ohrfeige verpassen). Lustig dabei: Sie hat bis heute nicht verstanden, dass mir eine Ohrfeige mehr Lust als Schmerz bereitet. Vor allem ihre.

Gabby weiß das inzwischen, glaube ich. Zumindest benimmt sie sich deutlich dominanter, nachdem ihr Nasenpflaster verschwunden ist. Endlich!

Das Beste der Nacht kam dann im Morgengrauen: Der Sonnenaufgang an Deck und endlich mal wieder ohne das ganze Tuch im Weg!

Mit Kaffee. Und Kopfschmerzen.

Aber voll befriedigt.


Das hört man auf dem Atlantik: Tammys Musiktips


Abschreckung

Wenn von „basic provisions“ von dem „nötigsten Proviant“ die Rede ist, dann meinen die Behörden das nicht wirklich so. Vermutlich schreiben sie das nur, um die Jachten abzuschrecken und sie von ihren Inseln fernzuhalten.

Wir jedenfalls hatten einen sehr netten Typen am Telefon, der uns an einen Shop verwies, dem wir dann schließlich unsere Einkaufsliste mailen konnten. Das Meiste davon konnten wir bekommen. Den Hafen durften wir allerdings nicht anlaufen.

Abgeholt haben wir das Zeug dann mit unserem großen Beiboot, mit dem wir auch unsere Abfälle an Land gebracht haben. Die Gebühren für die Entsorgung waren allerdings ziemlich happig.

Während wir unseren Proviant im Beiboot verluden (Drei separate Fahrten!), winkten uns der Typ vom Laden und einer vom Zoll von Weitem zu. Es fühlte sich schon ein wenig an als hätten wir die Pest. Na ja, wir hatten ja auch die Quarantäneflagge hissen müssen. Schon irgendwie schräg, weil bei uns an Bord, außer Gabby mit ihrem kleinen, nahezu ausgeheilten Nasenbruch, keiner krank war.

Langer Rede kurzer Sinn: Wir sind wieder gut ausgestattet und halten jetzt Kurs auf die Südspitze von Afrika.

Segeln ist kein Spaß

Pause. Herrlich.

Entgegen landläufiger Meinung ist Segeln kein Spaß. Jedenfalls nicht, wenn man es wochenlang auf dem offenen Ozean macht und dabei versuchen muss so schnell wie möglich von A nach B zu kommen.

Deswegen ist das Ankern vor Ascension Island pure Erholung. Oder es wäre pure Erholung, wenn wir uns nicht intensiv um die Vorräte, das Wetter und die Reiseplanung kümmern müssten.

Das Komplizierte ist derzeit unser nächstes Reiseziel zu bestimmen, da die durch die Pandemie bestimmten Einreiseregeln der einzelnen Länder/Inseln flukturieren und wir heute nicht wissen, was uns in ein paar Wochen am Zielort erreichen wird.

Und natürlich fängt auch das Wetter an eine Rolle zu spielen. War der Törn aus der Karibik, mit seinem immer gleichen Sommerwetter, noch ein Kinderspiel, so beginnen jetzt die ersten größeren Stürme die Südspitze Afrikas zu erreichen – und wir müssen versuchen uns an ihnen vorbei zu mogeln. Am Kap der guten Hoffnung wird es langsam unangenehm und ich hoffe, wir werden nicht erfahren, woher es seinen Namen hat.

Und natürlich müssen wir uns auch ein wenig Pause gönnen. Aber zwei Wochen Quarantäne? Das wäre echt zuviel! Obwohl ich mich wirklich auf die Ausflüge auf die Äquatorinseln gefreut hatte!

Urlaubssamstag am Äquator

Ich habe unangenehme Stille erwartet. Dieses messerscharfe Schweigen, von dem man weiß, dass, wenn es jemand bricht, es in blankem Chaos endet.

Stattdessen schnattert hier alles wild durcheinander. Wie früher. Wie vor dem Megastreit zwischen Joana und Gabby.

Erstmals seit langer Zeit sitzen alle zusammen am Tisch. Nicht unbedingt direkt am Tisch; Elias hat es sich auf dem Boden bequem gemacht und Eva „hilft“ Bram beim Grillen und bei der Getränkeversorgung.

So geräumig ist das Deck der Lady Brendan leider nicht, weil der meiste Raum von den Deckaufbauten, den beiden Masten, den Solarzellen, den Oberlichtern, dem Tauwerk, dem Dingy und einem weiteren Schlauchboot eingenommen wird. Dazu kommen noch zwei Rettungsinseln und jede Menge Kleinkram. Einiges davon findet bei heutigen Booten unter Deck Platz.

Viel Platz für gemeinsames Speisen bleibt da nicht. Im Gegensatz zu modernen Booten fehlen bei uns Annehmlichkeiten wie fest verbaute Tische; wir müssen da schon auf Campingtisch und -stühle zurückgreifen. Was der Gemütlichkeit keinen Abbruch tut, ich finde sogar ganz im Gegenteil.

Joana und Gabby sind nicht nur friedlich, sondern erzählen und lachen und necken sich ganz wie früher. Ich habe keine Ahnung, was da passiert ist.

Gabby sieht inzwischen – abgesehen vom Pflaster über ihrer Nase – wieder ganz passabel aus. Das ging schnell.

Mir tut es inzwischen leid, dass ich sie so zugerichtet hatte. Ich hätte mit ihr reden, statt sie zusammenschlagen sollen. Glaube ich… Leider geht es bei solchen Dingen mit mir durch. Nun muss ich erkennen, dass die Geschichte mit ihrer Tochter vermutlich wirklich „nur“ ein Ausrutscher gewesen war. Allerdings hat sie mir nie erzählt, warum es eigentlich passiert war.

Jetzt will ich auf jeden Fall glauben, dass es wirklich nie mehr passieren wird. Und im Übrigen – wer bin ich, dass ich mich hier zur Hüterin von Ethik und Moral aufspiele?

Okay, der Captain.

Trotzdem…

Wie auch immer, die Stimmung ist gut. Was vermutlich auch daran liegt, dass wir den Wasserpool ausgebracht haben und Mannschaft und Passagiere seit langer Zeit wieder fröhlich im Meer herumplanschen können.

Eva ist natürlich im siebten Himmel, auch wenn sie den Pool nicht verlassen darf, während die Erwachsenen wilde Verfolgungsjagden rund ums Boot veranstalten, oder (versuchen) Wasserball zu spielen.

Aber das scheint Eva kein bisschen zu stören, zumal ihr immer wieder jemand im Pool Gesellschaft leistet um gemeinsam mit ihr Unfug zu treiben.

Alles in allem also ein völlig unbeschwerter Urlaubssamstag am Äquator. Erstaunlich.

Autorität

Lachen. Aus dem Salon. Jetzt reicht es!

„Was mich stört, ist diese Schlagseitensache. Ich weiß überhaupt nicht mehr, wo oben und unten ist!“, beschwert sich Gabby.

Joana nickt: „Wir wollen einen Katamaran!“ Sie ruft es in Richtung Küche.

Mazikeen scheint Kaffee zu kochen. Sie verdreht nur die Augen: Katamaran, das böse Wort! Man darf das in ihrer Nähe eigentlich gar nicht erwähnen, für sie ist alles, was mehr als einen Rumpf hat, so eine Art Floß. Und sowas gehört nicht auf einen Ozean.

Ein wenig verständlich ist das schon: Ich möchte auch den Wind spüren, und zwar nicht nur als Luftzug, sondern auch unter meinen Füßen. Insofern stimmen Mazikeen und ich überein.

Was mich jedoch wundert, ist die Übereinstimmung von Joana und Gabby: Eigentlich gehört das der Vergangenheit an.

„Kaffee?“, fragt Mazikeen in meine Richtung.

„Tee“, entgegne ich.

Sie zuckt mit den Schultern und holt eine weitere Tasse aus dem Schrank, während ich mich zu den beiden Streithähnen an den Tisch setze.

„Was ist hier los?“, frage ich auch sofort und unumwunden.

„Wir wollen einen Katamaran“, antwortet Gabby prompt.

„Und ich will den Weltfrieden“, antworte ich und insistiere: „Was ist hier los?“

„Was soll denn los sein?“, fragt Joana verwundert.

Jetzt geht DAS wieder los! Diese scheiß Gegenfragen.

„Sie meint das ernst“, höre ich die Stimme von Mazikeen hinter mir aus der offenen Bordküche.

„Warum sitzt ihr hier so friedlich am Tisch?“, beharre ich, wohl wissend, dass Joana erneut mit einer Gegenfrage kontern wird.

„Wieso sollten wir nicht?“

Grrrrr…

Mazikeen stellt eine Tasse vor mich.

„Ihr wisst genau was ich meine!“, fluche ich. Weiber!

„Eigentlich nicht“, schüttelt jetzt auch Gabby den Kopf: „Was hast du gegen Katamarane?“

Ich nehme meine Tasse und trinke einen Schluck. Es ist Kaffee.

„Ich wollte Tee!“, rufe ich nach hinten.

„Sehe ich aus wie dein Butler?“, gibt Mazikeen trocken zurück.

Ich sehe schon, ich muß an meiner Autorität arbeiten.

Wie Urlaub

Natürlich sind wir viel zu spät, unsere Papiere sind längst nicht mehr gültig.

Aber was soll’s, an Land hätten wir dank Covid-19 ohnehin nicht gedurft und der Hafen ist komplett geschlossen. Außerdem ist Wochenende und die Behörden arbeiten nicht.

Also ankern wir etwas außerhalb von Clarence Bay um dann direkt Montagmorgen erneut Kontakt aufzunehmen. Ein Mooring dürfen wir nicht benutzen. So hatte Ken das gestern mit der Hafenbehörde besprochen. Außerdem stellen Mazikeen und er nachher eine Liste der benötigten Vorräte zusammen. Ich bin sehr gespannt wie das laufen wird – immerhin handelt es sich hier um englische Behörden!

Der Äquator produziert Tag und Nacht das gleiche Wetter: 27° und viel zu warmer Wind.

Da wir am Montag – mittels Kanistern, nehme ich an – auch Diesel aufnehmen können, leisten wir uns den Luxus einer schwach laufenden Klimaanlage und kühlen unter Deck auf 27° ab, um die Außentemperatur zu erreichen. Die meisten von uns schlafen jedoch an Deck. So eine Art Ozeancamping.

Ein komplett schlagseitenfreies Wochenende: Das ist wie Urlaub!

Die. Regt. Mich. Auf!

Eva ist an Deck.

Schön brav in Schwimmweste und Sicherungsleine. Und mit perfektem Sicherheitstraining, das wir jede Woche wiederholen.

„Habt ihr euch gestritten?“

WTF?

„Wieso?“ Wie kommt die denn darauf?! Das möchte ich jetzt doch mal wissen!

„Mama sagt, dass wir heute Abend zusammen essen können.“

SO WHAT? Zusammenhang?

„Wir essen nachher zusammen, weil wir vor Anker gehen. Das macht das Essen einfacher. Und ja: Ich habe mich erst mit deiner Mutter gestritten und dann mit Joana.“

„Warum?“

„Warum wir vor Anker gehen?“ Hehe! Dummstellen kann ich mich auch.

„Streiten.“ Einwortfragen kann sie echt gut.

„Erwachsenendinge.“

„Das find ich doof!“

Ich auch.

„So spielt das Leben.“ Oh Göttin, ist dieser Spruch dämlich! Wie alt bin ich eigentlich?

„Warum?“

„Warum was?“

„Das mit dem Leben.“

Grrrr…

„Weiß ich nicht. Schau mal, Delphine!“

„Wo?“

„Unter Wasser.“

Wenn Kakaofresse lacht, kann sie wenigstens keine dummen Fragen stellen. Außerdem starrt sie interessiert ins Wasser. Sie mag Delphine.

Es gibt mir Zeit über ihre ursprüngliche Aussage nachzudenken. Wieso können wir eigentlich heute Abend zusammen essen? Gabby und Joana an einem Tisch? Echt jetzt?

Doch dann: „Warum heißt das ‚vor‘?“

„Vor?“

„Ja. Vor.“

„Vor was?“ Kinder regen mich auf!

„Der Anker.“

„Woher soll ich das wissen?“

„Du bist doch die Captain.“

„DER Captain.“

„Aber du bist doch eine Frau?“

„Und deswegen heißt es immer noch ‚der‘ Captain!“ Warum sind Kinder so doof?

Eva muss kurz überlegen.

„Warum?“

Die. Regt. Mich. Auf!

„Weil ich groß und stark bin“, erkläre ich.

„Mama sagt, du bist klein und süß.“

Wow! Echt jetzt? Für das „süß“ lasse ich Gabby das „klein“ durchgehen.

„Es heißt ‚der‘ Captain. Basta!“ Ich entscheide mich, sie (noch) nicht zu meucheln.

Sie schweigt einen Moment nachdenklich. Ich scheine es geschafft zu haben! Kakaofresse hält endlich die Kla…

„Bist du stark?“

Oh, verfickt nochmal!

„JA!“ Verdammt!

„Kannst du den da hochheben?“ Sie zeigt auf den vorderen Mast. Am Baum bläht sich das Hauptsegel im müden 10-Knoten-Wind.

Ich verdrehe die Augen: „Einen Mast kann man nicht hochheben. Höchstens absägen.“

„Warum?“

Mir gehen die Antworten aus.

Jetzt trickse ich sie aus: „Wollen wir runtergehen?“

Die Nervensäge schüttelt den Kopf.

„Ich könnte dir einen Kakao machen“, schlage ich vor.

„AU JA!“

Und dann schließe ich mich in meinem Quartier ein und komme nie wieder raus!

Mich wundern

Irgendwann halte ich es nicht mehr aus.

„Was treibt ihr Zwei denn da?“, rufe ich bass erstaunt, während ich mich den Niedergang in den Salon herunterhangele.

Joana schaut mich erstaunt an: „Was meinst du, Sweetheart?“

Äh, was antwortet man denn auf sowas?

„Du und – Gabby? So friedlich?“

„Warum?“ Joana kommt mit einer der dümmsten aller Gegenfragen.

Ich habe den Abstieg endlich geschafft und stehe nun vor den Beiden und halte mich, so gut ich kann, an allem fest, was in meiner Reichweite liegt.

„Ihr redet miteinander?“, frage ich, immer noch erstaunt, wohl wissend, dass ich auch darauf keine Antwort bekommen werde.

Joana zuckt mit den Schultern: „Warum sollten wir nicht?“ Ihr Repertoire an Gegenfragen ist schier unendlich, das weiß ich. Eigentlich hätte ich jetzt die Augen verrollen und verschwinden sollen.

„Vertragt ihr euch wieder?“ Ha! Finde darauf mal eine Gegenfrage, Bitch!

„Warum? Hast du Angst nicht der Mittelpunkt zu sein?“

Hä?

„Aber…?“ Ich erinnere mich, wie Mazikeen und ich die beiden in Joanas Quartier gesperrt hatten – erfolglos.

„Was ‚aber‘, Süße? Du musst ja schließlich nicht überall der Mittelpunkt sein!“

Okay, denke ich: Es wird Zeit, dass ich verschwinde!

„Schon gut…“, murmele ich und greife verzweifelt nach dem Griff über dem Niedergang. Raus hier! Dabei wage ich noch einen letzten Blick zu Gabby. Doch auch dort erkenne ich nichts, was nach einer Erklärung aussieht.

„Was wolltest du denn hier?“, fragt Joana, während ich die Treppe erklimme.

„Mich wundern…“, brumme ich und hangele mich an Deck, wo mich mein grinsender Dämon erwartet.