Sybill und die Welt

(Hexenroman, noch nicht beendet)

Natürlich sieht sie nicht aus wie eine Hexe, sie hat keine Warze auf der Nase und keine Pickel im Gesicht – ich sagte ja, sie ist bildhübsch. Hübscher als ich, wie ich finde, was ich hin und wieder ausgesprochen unfair empfinde. Und natürlich ist sie auch nicht gekleidet wie man sich für gewöhnlich eine Hexe vorstellt. Weiße, unverschämt offene Bluse, Business Jacket, die allgegenwärtige Jeans und krasse Halbstiefel mit noch krasseren Absätzen. So kenne ich sie. Zumindest tagsüber. Und zumindest wenn die Temperaturen nicht über die 21°-Grenze klettern, so wie im Moment.

„Wie finden Sie die Schuhe?“ Die Verkäuferin lächelt Sybill an.

„Diese Schuhe?“ Sybill schaut an mir hinab.

Oh nein, denke ich, bitte jetzt keinen ihrer dummen Sprüche!

„Diese Schuhe?“ Sybill schüttelte den Kopf: „Grauenhaft.“

War ja klar, anders kann Sibylle ja gar nicht.

„Also ich finde sie sehr schön, und sie stehen ihrer Freundin wirklich sehr gut.“ Die Verkäuferin lächelt.

„Kein Wunder, sie wollen sie auch verkaufen.“ Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass Sybill ein kleines Problem damit hat, etwas anderes zu sagen, als das was sie denkt?

Pikiert wendet sich die Verkäuferin einem Regal zu und beginnt die eigentlich recht gut sortierten Schuhe erneut auszurichten. „Kannst Du Dich nicht einmal benehmen? Musst Du ständig die Hexe raushängen lassen?“

„Ich bin keine Hexe.“, grinst Sybill.

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Nein, das ist sie tatsächlich nicht. Glaube ich. Aber sie benimmt sich sehr oft wie eine. Gut, nun könnte man anführen, dass ich gar nicht wissen kann, wie sich eine echte Hexe benimmt, doch ich nehme mal an, sie würde sich so benehmen wie Sybill sich benimmt. Den Harry-Potter-Filmen darf man einfach keinen Glauben schenken und die Bücher – die sind sowieso das Letzte. Und ganz klar, Sybill ist keine Hexe: Sybill ist – schlimmer.

Und ich liebe sie. Nein, nicht so. D. h., nicht so wie sie mich liebt. Oder wie ich glaube, dass sie mich liebt. Oder wie ich vermute dass sie mich liebt, oder was hat es sonst damit auf sich dass sie ständig und überall auftaucht, wo sie mich am besten nerven kann. Mit Sybill verabredet man sich nicht, Sybill erscheint. Wann immer sie will. Wo immer sie will.

„Ich nehme die Schuhe.“ Ich entscheide das alleine schon deswegen um dem weiteren Theater zu entgehen.

„Diese Schuhe? Ernsthaft?“

„Es kann sich nicht jeder Allana leisten, kapierst Du das eigentlich nie?“

„Ich könnte Dir welche kaufen?“

„Du kapierst das wirklich nie, oder? Ich kaufe meine Schuhe selbst!“ Das wäre ja noch schöner, wenn ich nicht in der Lage wäre meine eigenen Schuhe aus eigener Tasche zu bezahlen.

„Ich meine ja nur …“ Sybill zuckt mit den Schultern.

Ich beuge mich herunter, um meine neue Errungenschaft wieder auszuziehen, und weiß, wenn ich wieder aufblicken würde, dass Sybill verschwunden wäre.

„Wo ist ihre Freundin hin?“, fragt dann auch die Verkäuferin folgerichtig.

„Woher soll ich das wissen?“ Ich lächle, ich weiß es wirklich nicht. Niemand weiß das so genau.

Sybill sitzt draußen auf einer Bank und wartet. Das ist fast schon ungewöhnlich für sie. Diesmal jedoch wartet sie wie eine ganz gewöhnliche Freundin.

“Sybill, was ist mit Dir los? Mischst Du Dich jetzt schon unter uns ganz gewöhnliche Sterbliche?“

Sybill lächelt. Ich mag es, wenn sie lächelt. Dann ist sie weniger – außerweltlich. „Du musst nicht immer sticheln, weißt Du?“

„Was bleibt mir anderes übrig? Alle anderen Möglichkeiten hast Du doch schon für Dich besetzt.“

„Wir haben ein Problem“, meint Sybill ernst.

„Du meinst, du hast ein Problem.“ Das macht Sybill nämlich gerne: aus ihren Problem unsere zu machen.

„Nein, ernsthaft: wir haben ein Problem.“

„Was ist es denn diesmal?“ Sybills Probleme haben mich nie betroffen. Einmal zugegeben, aber das war schon lange her. Sehr lange.

„Wir sollten irgendwo hingehen und reden.“ Sybill hält mir die Hand hin.

„Die Betonung liegt auf gehen“, sage ich.

Sybill und ich verstehen unterschiedliche Dinge unter diesem Verb. Gehen. Gehen bedeutet etwas anderes in ihrer Welt, als in meiner Welt.

„Also gut.“ Es ist unübersehbar, dass ihr mein Gehen nicht gefällt. Nichts Neues hier. Als sie aufsteht stopft sie demonstrativ die Hände in ihre Taschen. Für gewöhnlich laufen wir Hand in Hand. Nein, wir sind nicht zusammen, wir sind nicht lesbisch, jedenfalls ich nicht. Sie schon. Sie ist meine beste Freundin. Kein Grund für mich, nicht mit ihr Händchen zu halten. Ich mag das. Jetzt allerdings ist sie mal wieder beleidigt. Die Wahrheit ist, ich bin schon ein wenig in sie verliebt. Wenn da nicht das Problem mit diesem Penis wäre, diesem Penis, den sie nicht hat.

Sybill und die Welt – Copyright Andrea Downey-Lauenburg 2017 All rights reserved