Mika, Los Angeles, Tag 15

(Ein Roman über Krankheiten, Viren und Liebe. Als hätte ich’s gewusst. Leider nie veröffentlicht.)

Die Leute sagen immer, es wäre herrlich jung zu sein. Andererseits sagen sie auch, es wäre viel interessanter alt zu sein. Am besten wäre es alt zu sein und einen jungen Körper zu haben. Aber wie das mit allem im Leben ist: man kann nicht alles haben. Also ist sie ganz zufrieden einigermaßen jung zu sein. Einigermaßen heißt in Ihrem Fall 25. Der Mann, mit dem sie „zusammen“ ist, ist schon ein paar Jahre älter. „Ein paar Jahre“ heißt in diesem Fall – sie muss nachdenken, das muss sie immer – 14.er ist 39. Sie denkt, dass es viel cooler wäre wenn sie sagen könnte, dass ihr Freund 40 Jahre alt ist. Man kann nicht alles haben …

Was sie noch viel cooler findet, ist, dass Robert und sie sich bereits seit 15 Jahren kennen! Nicht so kennen natürlich. Damals war er mit ihrem großen Bruder befreundet und sie war nur dessen nervige kleine Schwester. Wobei er steif und fest behauptet, dass sie nicht nervig war. Es gibt aber Zeugenaussagen die das Gegenteil behaupten. Wie dem auch sei … Inzwischen sind sie seit fünf Jahren fest zusammen und die Hochzeit ist in Planung. Das Leben geht manchmal schon seltsame Wege. Vor allem ihres …

Heute Jeans, weite Jeans, nichts was am Körper klebt. Nichts was einstellen wird, so etwas kann sie in ihrem Job nicht gebrauchen. Andere tragen Stoffhosen, Fantasie-Uniformstoffhosen. So etwas findet sie lächerlich, vor allem den Fantasieteil. Die weiße Bluse mit den Streifen auf den Schultern ist sie aber fast gezwungen zu tragen um sie als Captain kenntlich zu machen. Nicht unbedingt, doch an irgendwelche Regeln muss man sich halten, oder? Selbst wenn sie manchmal ungeschrieben sind. Woran sie sich am wenigsten gewöhnen kann in ihrem Job ist die langweilige Unterwäsche aber vor allem sind es die „tollen“ Schuhe, die ihre üblichen, geliebten Highheels ersetzen müssen. Bequem ist angesagt. Natürlich ist das eine Sicherheitsfrage – nervig ist es trotzdem. Immerhin hat es den Vorteil, dass sie nicht ganz so oft an gebaggert wird. Aber immer noch oft genug.

Seltsamerweise hat die Bekleidung einer Frau eine Menge Einfluss darauf wie attraktiv sie finden, nicht etwa ihr Gesicht oder die Haare oder ihre Figur – doch es stört sie nicht, auf jeden Fall nicht bei ihrem Mann.

So funktioniert die Natur eben, sie sieht solche Dinge eher pragmatisch. Im Job verzichtet sie auf jegliche Art von Gesichtsbemalung – wie sie es gerne nennt – lediglich ein dezenter Lippenstift dafür sein. Manchmal auch ein ganz klein wenig Eicher do. Aus ihren schwarzen Haaren werden Zöpfe – wenn sie Zeit hat – oder ganz simpel ein Pferdeschwanz. Wobei auch die Frisurfrage wieder er praktische Gründe hat; ihre wilde Männer verringert ihr peripheres Sichtfeld.

Als sie fertig war, betrachtete sie sich, wie üblich, noch einmal von oben bis unten im Spiegel. Und sie stellte nicht nur fest, wie üblich, dass sie diese Klamotten nicht leiden konnte, sondern sie stellte ebenfalls fest dass sie zu spät war – wie üblich. Die Rezeption hatte bereits durchgeklingelt, der Taxifahrer wurde ungeduldig. Ihr Koffer war bereits unten, den schleppte sie nicht selbst. Außerdem wurde er bis auf weiteres im Hotel gelagert, den konnte sie heute nicht gebrauchen. Sie warf die riesige braune Lederhandtasche über ihre Schulter, und schnappte sich die Notebooktasche. Das waren die zwei Gepäckstücke, die sie nie aus der Hand gab. Die Lederhandtasche war nicht nur groß genug alles aufzunehmen was Frau tagtäglich so brauchte, sondern darin verstaute sie sogar ein T-Shirt, einen Minirock sowie die ungeliebten flachen Wechselschuhe. Außerdem alles nötige Equipment. Entsprechend schwer war die Tasche auch, was weder ihrer moderaten Größe, noch ihren viel zu hohen Bleistiftabsätzen entgegenkam. Das Wort „Handtasche“ war wohl eher unglücklich gewählt. Immerhin passte sie noch in jedes noch so kleine Gepäck Fach hinter dem Cockpit. Was wäre sie wohl ohne diese Tasche?

Sie hetzte zum Aufzug. Wenn diese ständige Brennerei nicht wäre, war sie eigentlich mit ihrem Leben ziemlich zufrieden. Beim Job haperte es noch etwas, doch sie arbeitete daran. Der Verdienst war nicht gerade toll und der Zeitplan … Aber sie war erst 25.

Diesmal hetzte sie aus einem anderen Grund zum Flughafen: es wartete keine 737 auf sie keine Cessna, kein Businessjet, sondern die ältere Schwester ihrer besten Freundin. Anne hatte ihr nicht gesagt oder nicht sagen dürfen oder nicht sagen können warum ihre Schwester dort wartete und warum sie gerade auf sie wartete – sie hatte nur gesagt „Vertrauen mir“. Das tat Mika. Das tat sie immer. Sie hatte jedoch noch nie erlebt, dass Anne aus irgendetwas ein Geheimnis gemacht hatte. Jedenfalls nicht gegenüber ihr. Was die ganze Geschichte natürlich irgendwie interessant machte. Nicht, dass Mika besonders auf Geheimnisse stand es war jedoch etwas Neues, dass ihr Leben auf eine andere, besondere Weise interessant machte. Nicht, dass Mika nicht jede Menge aufregendes in ihrem Leben hatte – ihr Mann und sie sorgten dafür, dass weder hier noch sein Leben je langweilig wurden.

Wie sie das alles unter einen Hut brachte, all die Abenteuer mit ihrem Mann, das erwerben von Einzellizenzen für die einzelnen Flugzeuge, wie King er seit Actions, ferne Ms und schließlich der Wechsel vom Copilotensitz zum Captain der 737, war ihr selbst ein Rätsel. Möglich machte das alles nur ihr Mann, sie selbst – ihr Gehalt – reichte kaum zum Leben, geschweige denn für all die Simulator-, Theorie und Trainingsstunden in den verschiedenen Businessjets.

Airport Los Angeles (LAX)

Tag 15

Sie war grau, fast militärisch grau doch Phenom glänzte als wäre sie aus hochglanzpoliertem Silber. Trotzdem hätte man den kleinen Jet für ein Militärflugzeug halten können wären da nicht einige hellblaue, geschwungene Streifen, die das Design wieder ins zivile zurückholten.

Der Mann, der ihr entgegenkam, griff, als er sie erreicht hatte, in seine Jackentasche und hielt ihr einen Ausweis entgegen: „Homeland Security“, sagte er

Fuck!, Was habe ich jetzt schon wieder verkehrt gemacht? Andererseits war sie keine Terroristin. Homeland Security interessierte sich nicht für Menschen mit einem ausschweifende Sexualleben, so wie sie. Da war sie sicher.

„Was will denn mein Heimatland von mir?“ Sie war sich nicht ganz sicher ob sie grinsen durfte.

Der Typ jedenfalls schien keine Spur von Humor zu besitzen. Er zeigte auf die kleine Treppe des Chats: „Sie werden erwartet.“

Er lief neben ihr her, immer daraufachtend, dass er keinesfalls schneller wurde als sie. Offensichtlich konnte er es nicht leiden jemand in seinem Rücken zu haben. An der Phenom angekommen, stellte er sich neben die Treppe und verfiel in eine Art starre. Seine Hände waren vor seinem Körper übereinandergeschlagen, so als müsse er seine Familienplanung schützen. Seine Augen starten ins Leere.

Fast wie ein Roboter, dachte Mika.

Staunend, aber kopfschüttelnd, stieg sie an ihm vorbei die Treppe hoch. Wie im Film, dachte sie sitzt jetzt der Präsident im Flieger? Sie duckte sich und schaute vorsichtig um die Ecke. Natürlich wartete dort nicht der Präsident, sondern eine Frau. Anders große Schwester? Bewacht von Homeland Security? Doch sie erinnerte sich: Homeland Security bewachte doch niemanden, oder vielleicht doch? Alles sehr verwirrend …

Du musst Mika sein, komm doch rein!“

Oh ja, sie war Mika. Und sie kam auch gerne herein, sofern ihr erklärt wurde was hier eigentlich los ist!

Sie hielt ihr die Hand entgegen: „Ja, Mika, das bin ich.“

Weder nahm sie Mikas Hand noch machte sie Anstalten aufzustehen: „Du bist Pilotin?“

Sie nickte. Wie unverschämt ist die denn?

„Du kannst auch dieses Flugzeug fliegen?“

Eine Phenom 300 – sie hatte nicht nur gerade ihr Type Rating erworben, sondern Robert hat ihr auch gleich noch zehn Flugstunden bezahlt. Ganz tapfer hatte er sich neben sie gesetzt.

Mika nickte.

„Also Du kannst das Flugzeug fliegen?“

So etwas kam ihr gerade recht! Der ist Nicken nicht genug, die Leute hatten zu antworten! Was ist denn das für eine? Davon hatte Anne nichts gesagt! Und sie war sicher, dass sie genau gewusst hat wie ihre Schwester ist.

„Ja, das kann ich.“

Annes Schwester wischte über den iPad, der auf dem Tisch lag: „Ein bemerkenswertes Resümee für Dein Alter …“ Sie nickte: „Zig Type Ratings plus Air Transport Pilot und das alles mit 25. Anne sagte, Du hättest auch Flugerfahrung mit der Phenom?“

„10 Stunden.“ Knapp konnte sie auch.

„Du könntest also auch diese fliegen?“

„Davon gehe ich aus.“

„Das ist Dein Gehalt.“ Die Frau schob ihr einen Zettel hin.

Eigentlich war Mika drauf und dran wieder zu gehen. Die Tussi war ihr zu unverschämt. Annes Schwester hin, Annes Schwester her. Doch dann warf sie einen Blick auf den Zettel – im Stehen und ohne ihn in die Hand zu nehmen – und entdeckte eine Zahl, die deutlich höher als ihr jetziges Gehalt war. Zweimal so hoch.

„Probezeit sechs Monate. Danach Gehaltserhöhung um 50 %. In den Folgejahren Anpassungen nach dem Beamtentarif. Krankenkasse, Pension und was so dazugehört.“

Das war imposant. Und das alles um eine Phenom zu fliegen? Wo war der Haken?

Der Haken war: „das ist alles ganz schön und ganz gut, doch eine Arbeit für die Regierungsbehörden kommt für mich nicht infrage. Aber vielen Dank für das nette Angebot.“ Ich seufzte innerlich. Das Gehalt das Drumherum war wirklich genial! Aber was tut man nicht alles für seine Überzeugung! Zwei Jahre früher und ich hätte das Angebot mit Handkuss angenommen!

Annes Schwester schaute mich an, in ihrem Gesicht war keine Gefühlsregung zu erkennen. Konnte das sein? „Eine Überzeugungstäterin – davon hat mir meine Schwester nichts gesagt“, nickte sie schließlich: „dann vielen Dank, dass Du vorbeigekommen bist.“

„O. K., danke für das Angebot.“ Ich wandte mich zum Gehen, doch dann drehte ich mich noch einmal um: „ich weiß es wirklich zu schätzen, es ist nur so, dass ich für diese Leute einfach nicht arbeiten kann.“

„Und wärst Du auch so nett, zu erklären wer diese Leute sind? Denn Du meinst ja ganz sicher nicht mich, oder?“

Ich beeilte mich den Kopf zu schütteln, obwohl ich nicht verstand, wieso überhaupt jemand für diese Leute arbeiten konnte: „für diesen Con-Man, zuerst einmal. Und dann für alle, die er in diese Führungsposition gebracht hat. Wie heißt diese Gesundheitsfrau noch einmal? Die, die vorher schon Georgia ruiniert hat?“

„Du meinst die CDC-Chefin?“

„Ja, Fitzgerald, oder?“

„Du bist gut informiert. Dass es richtig: Brenda Fitzgerald. Und was genau ist jetzt Dein Problem?“

„Das ich nicht für solche Leute arbeite!“

Annes Schwester nickte langsam: „glaubst Du, irgendwer von den Wissenschaftlern hier würde für solche Leute arbeiten? Glaubst Du das tatsächlich?“

Sie war verwirrt. Und ich sagte es.

„Niemand von uns arbeitet für solche Leute. Nicht für eine Brenda Fitzgerald, nicht für einen Tom Frieden und schon gar nicht für einen Donald Trump. Kein Wissenschaftler würde für Menschen arbeiten, die das Volk benutzen um das Volk zu betrügen. Wir arbeiten für das Volk, auch für das Volk, das dumm genug ist diese Leute zu unterstützen. Was glaubst Du, was passieren würde, wenn es den CDC nicht geben würde? Wenn wir alle die Arbeit einstellen würden? Diese Betrüger wären nicht in der Lage uns alle zu ersetzen. Sie würden es versuchen, sie würden unqualifizierte Leute einstellen und was glaubst Du, was das für das Volk, für die Gesundheit das Volkes oder im schlimmsten Fall sogar das Überleben des Volkes bedeuten würde? Du solltest darüber einmal nachdenken, bevor Du mir solche Parolen an den Kopf wirfst. Aber vielen Dank, dass Du gekommen bist.“ Damit wandte sie sich von mir ab, nahm ihren iPad in die Hand und begann zu lesen.

„Ja, danke für das Angebot“, nickte sie nach einem kurzen Moment, drehte sich um und verließ das Flugzeug.

Sie kam bis fast zu dem großen Stahlgitter, dessen Tor durch Kameras zwei Sicherheitsleute bewacht war. Dann blieb sie stehen. Sie überlegte einen Moment, schaute über die Schulter zurück zur Phenom bevor sie sich langsam ganz zurücktreten. Sollte sie? Sie war unschlüssig. Sie wusste, dass das was die Frau erzählte nicht ganz stimmte. Eine Menge Wissenschaftler hatten bereits der Environment Agency den Rücken gedreht und angeblich gab es auch beim CDC Kündigung. Immer mehr Menschen weigerten sich für diesen Mann, für diese Leute, für dieses Weiße Haus zu arbeiten. Was würde passieren, wenn alle das tun würden? Sie neigte dazu zu denken, dass spätestens dann andere Politiker aufstehen und sich wehren würden. Andererseits – wenn das Volk schon wusste was los war, dann wussten die Politiker es längst. Warum waren sie dann bisher noch nicht aufgestanden?

Annes Schwester war offensichtlich der Auffassung, dass Politik nicht ihre Sache wäre, war es denn die Sache eine Piloten? Mika war der Meinung Politik sei jedermanns Sache, zumal es sich hier noch nicht einmal wirklich um Politik handelte, sondern um die Abschaffung der Demokratie und die Einführung einer Familientheokratie in den USA. Im mächtigsten Land der Erde. Wie konnte sie da einfach wegsehen?

Sie begann zum Flugzeug zurück zu laufen. Sie kam bis zur Treppe, dann hielt der Agent sie auf. „Haben Sie etwas vergessen?“

„Ich muss noch einmal mit ihr reden.“

„Warten Sie hier“, sagte er und verschwand im Innern. Einen Augenblick später kam er wieder heraus und nickte ihr zu.

Während sie die drei Stufen hinaufstieg überlegte sie sich noch einmal genau was sie sagen wollte.

Doch sie kam nicht dazu: „Ganz  schön Chuzpe …“, meinte Annes Schwester regungslos während sie irgendetwas auf ihrem iPad studierte.

„Ich arbeite für Sie, nur für Sie. Wenn Sie nicht mehr da sind, höre ich auf hier zu arbeiten. Ich will dass das im Vertrag steht.“

„Du arbeitest hier gar nicht. Du hast das Angebot abgelehnt, das Angebot hat sich erledigt.“ Sie rührte keine Miene und schaute auch nicht auf. Ernsthaft, es kam nicht die geringste Bewegung!

Für einen kurzen Moment wollte Mika sich wütend umdrehen und gehen, doch dann überlegte sie es sich anders: „Nein, es hat sich nicht erledigt. Ich will hier arbeiten. Für Sie.“

Jetzt schaute Annes Schwester auf. Sie schaute Mika für einen Moment an, dann für einen weiteren Moment und noch für einen weiteren. Es schien eine Ewigkeit zu sein. „Dann wirst Du ja in der Lage dazu sein, darum zu bitten.“

Mika starrte sie an! Sie musste sich verhört haben, so etwas sagte doch niemand! Im Film vielleicht, doch selbst da nicht, oder?

„Lächerlich“, schüttelte Mika dann auch den Kopf.

„Jetzt heißt das: Bitte, Dr. Thomas.“

Mika stand mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen zwischen Tür und Getränkebar. Das war das Unverschämteste, was sie je … Sie spürte ein Kribbeln im Körper, war das Gänsehaut? Egal! „Ich verzichte auf den Scheiß-Job!“ Dann drehte sie sich zur Treppe und wollte gehen, auch wenn irgendetwas in ihr sagte, dass sie das vielleicht nicht tun sollte. Sie spürte nicht, dass es ihr Körper war, der es ihr sagte.

„Wenn Du die Treppe runtergehst, haben wir uns das letzte Mal gesehen, Mika.“

Es war wie ein elektrischer Strom, der durch ihren Körper floss und sie daran hinderte weiter zu gehen. Und irgendwer sagte dann: „Bitte Dr. Thomas, ich möchte für Sie arbeiten.“

„Ich werde Deine Wünsche in den Vertrag aufnehmen lassen, Mika. Und jetzt bitte einen Flugplan nach Junea.“

„In Alaska?“

„Nein, in Zaire, verdammt! NATÜRLICH IN ALASKA! WO DENN SONST?“