Die hundertste Frau

(Eine Novelle. Von Andrea Downey-Lauenburg und Annika Lauenburg. Fast fertig, es fehlt noch der Schluss. Wir arbeiten – gelegentlich – dran.)


Cala Rajada, Mallorca

2017

Der Urlaub war eine einziger Reinfall. Nebensaison, klar. Aber es gab weniger nervende Kids, die einem mit ihrem ewigen Gekreische den schwer verdienten Urlaub verdarben, weniger Proleten und ihre Trinkeimer an den Stränden und überhaupt war es billiger. Da nahm sie es auch in Kauf, dass sich in den Diskotheken mehr Spanier als Deutsche vergnügten, was generell aber auch nicht unbedingt von Nachteil war, weil sich Südländer weniger mit überflüssigem Smalltalk aufhielten.

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Warum sie jede Nacht wieder bei einem Deutschen oder Engländer landete, war Yasmin völlig rätselhaft. Die Einheimischen machten in diesem Jahr aus unerfindlichen Gründen einen Bogen um sie, zumindest hatte sie diesen Eindruck – was natürlich Unsinn war. Es gab offenbar weniger Mallorquiner in dem kleinen Städtchen als sonst üblich. Manche sagten, das lag an dem Mord, der sich im vergangenen Jahr am Strand ereignet hatte. Eine Messerstecherei. Angeblich ein Raubüberfall. Oder eine Eifersuchtsgeschichte. Oder eine Streiterei. Genauer gesagt also: niemand wusste irgendwas. Aber was ging sie das an?

One-Night-Stands mit Deutschen oder Engländern – das war nicht der Plan gewesen. Das konnte sie auch in Deutschland haben. Und, weiß Gott, das hatte sie: Düsseldorf und Köln hatten genau die richtigen Kneipen und Clubs dafür!

So oder so: sie musste sich mit dem zufrieden geben, was sie bekommen konnte, doch der Typ der vergangenen Nacht war der Abschuss gewesen, den hatte sie erst gar nicht mit auf ihr Zimmer genommen: Wer, bitteschön, ist heutzutage denn untenherum noch behaart wie ein Orang Utan? Es schüttelte sie, wenn sie nur daran dachte! Als er in seinem Leihwagen – Clio, was sonst? – versucht hatte, ihren Kopf nach unten zu drücken, hatte sie sich vehement gewehrt, was sie sonst eigentlich selten tat: „Wenn dir meine Hand nicht ausreicht, steige ich aus. Du kannst mit meinen Titten spielen, wenn du willst.“ Sie hatte keinerlei Lust darauf verspürt, ihre Nase in einen verschwitzten Urwald zu tauchen. So hatte Yasmin mit ihm kurzen Prozess gemacht, sich dann im Auto – so gut es ging – noch das Sperma von der Hand gewischt und ihren BH gerichtet, und war dann zurück zum Hotel gelaufen.

Ob die Haarpracht in Würzburg wohl so üblich war? Sie versuchte dem Ganzen noch eine amüsante Seite abzugewinnen, während der Typ völlig erschöpft seinen Rausch ausschlief. Nach der Aktion hatte sie auch noch Mühe gehabt, es sich selbst zu machen. An diesem Mittwochabend war es in der einzigen Disco des Ortes so leer gewesen, dass sie schließlich ins Madura gewechselt war, doch auch dort war die Auswahl spärlich gewesen: Entweder stellte sie mittlerweile größere Anforderungen an ihre Sexualpartner, oder die spanischen Männer standen jetzt tatsächlich nur noch auf Blond und ließen scharfe Brünette wie Yasmin gänzlich neben liegen oder sie wurden nach und nach von #metoo kastriert. Was, zum Teufel, sprach denn eigentlich in einem Club oder einer Nachtbar gegen eine etwas aggressivere Anmache, wenn der Typ ihr nicht gerade auf den Arsch schlug? Dafür kam sie ja schließlich nach Mallorca!

Die einzigen richtigen Machos, die sie ausfindig machen konnte, hatten entweder ihre Chicas dabei, waren volltrunken oder sie waren dumm wie Brot. Außerdem: Die wenigen, deren Erscheinung sie wirklich interessiert hatten – und die jetzt auch gerade der Grund für ihren selbstgemachten Orgasmus waren – waren zwei spanische Chickas gewesen. Doch auch die hatten bereits ihre Begleitung gefunden: Österreicher! Ausgerechnet Österreicher! Kaum zu glauben, doch sie vermutete, dass Spanier nicht wussten, wie schrecklich dieser Dialekt war! So war der Würzburger, von dem sie sich schließlich hatte abschleppen lassen, ein Notnagel gewesen, hatten ihre Hormone ihr doch – mal wieder – befohlen, auf keinen Fall ohne Schwanz nach Hause zu kommen. Zwar hatte der Franke es nicht bis in ihr Hotelzimmer geschafft, doch zumindest hatte sie einen Affenschwanz in der Hand gehalten.

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