Zum Inhalt springen

Hexenehrenwort

Sie hat mich sitzen lassen. Einfach so. Was blieb mir übrig, als den Rest der Flasche allein zu vernichten? Tequila darf man nicht alt werden lassen. Könnte schimmeln.

Wie ich ins Bett gekommen bin, weiß ich nicht. Wirklich nicht. Da meine Kleidung am Morgen nicht der Rede wert gewesen war, wollte ich es auch gar nicht wissen. Wirklich nicht.

„Was hast du jetzt wieder angestellt?“ Das waren Aniks erste Worte, als sie für mich einen dreifachen Espresso bestellte. Wir saßen im Hotelfoyer neben irgendwas, was vermutlich Kunst sein sollte.

„Machen sie ihn …“ Wie sagt man fünffach auf schlau? „Machen sie ihn – größer.“
Die Bedienung lächelte nicht nur freundlich, sondern auch wissend.

Ich versuchte, eine besonders schlaffreundliche Sitzposition in dem weichen Ledersessel zu finden.

„Wenn du glaubst, du könntest hier weiterschlafen, schütte ich dir einen Eimer Eiswasser ins Gesicht!“

Ist die wieder ungemütlich! Wofür taugen Schwestern überhaupt?

„Also?“

„Also was? Ich schlafe doch gar nicht!“, protestierte ich.

„Miranda weigert sich, noch einmal mit dir zu reden!“

„Echt? Warum?“

„Das würde ich gerne von dir wissen! UND SETZ DICH ENDLICH ANSTÄNDIG HIN!“

„Ich setze mich hin, wie ich will!“

Die Bedienung kam mit einer großen gefüllten Kaffeetasse, die gefährlich nach Espresso roch. Nach einem zehnfachen. Ich lächelte dankbar.

„Warum will Miranda nicht mehr mit dir reden?“

Ich überlegte. Hatte ich ihr vielleicht den ganzen Tequila weggesoffen? Jedenfalls fühlte ich mich so. Ich zuckte mit den Schultern und versuchte, die Ereignisse der vergangenen Tage Revue passieren zu lassen. Es blieb bei dem Versuch. „Keine Ahnung.“ Dann würgte ich die erste Ladung Espresso herunter. Ich konnte den Geschmack nicht ausstehen, doch das Zeug wirkte bei mir ganz wunderbar. Es machte mich wach, half aber nicht gegen Kopfschmerzen. Für die schien mir Anik jedoch schon eine fette Oxicodon gefüttert zu haben – der Packung auf dem Tisch nach zu urteilen. (Getreu nach Aniks Devise: Was nicht süchtig macht, hilft auch nicht.) Nun ja … Aber immerhin wirkte das Zeug.

„Willst du es nicht zugeben, oder weißt du es wirklich nicht?“

„Keine Ahnung. Großes Hexenehrenwort.“

„Mmh … Du hast aber gestern noch mit ihr geredet. An der Bar. Ich habe euch gesehen.“

An die scharfe Chefin am Tresen und an eine Menge Tequila konnte ich mich duster erinnern. Aber an sonst nichts.

„Warum fragst du nicht sie?“

„Sie will es mir nicht sagen.“

„Dann kann ich dir auch nicht helfen“, zuckte ich mit den Schultern und kippte das Äquivalent eines weiteren doppelten Espresso auf einmal herunter.

„Ich traue dir nicht, Schwester …“

Ich erinnerte sie an mein Hexenehrenwort, rollte mich in den Sessel und schlief wieder ein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: