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Ich glaube, ich bekomme Ärger

Prudhoe Bay. Ein Miniaturstädtchen an der arktischen Küste. Ölindustrie, klar.

Hier kommt einer meiner schlimmsten Albträume zum tragen: eine private Unterkunft! Ich hasse es, wenn Leute Leute kennen, die wiederum Leute kennen, die mich dann so behandeln, als wäre ich frisch ihrer Gebärmutter entschlüpft! Ich kenne diese Menschen nicht! Ich will ein intimes, einsames Hotelzimmer, ohne Aufstehzwang und ohne Essensverpflichtung! Private Unterkünfte sind das Allerletzte! Und ich habe hier noch nicht mal einen Schimmer, wer wen kennt, der jemanden kennt, der mich kennt. Oder der Mazikeen kennt. (Wobei ich Letzteres ernsthaft bezweifeln möchte, denn Maze lernt man eigentlich nur in der Hölle kennen, und hier sieht alles solide und trinkfest aus. Und lebendig.)

Na ja, ist ja – vermutlich – nur für eine Nacht.

Coronavirus causes ConocoPhillips to temporarily cancel flights for workers  to North Slope fields - Anchorage Daily News
Deadhorse, Prudhoe Bay

Was aber noch schlimmer als diese Übernachtung ist, ist der Fakt, dass ich die Landung hier komplett versaut habe. Und mit „versaut“ meine ich vollkommen versaut. Kurz vor Unfall-Untersuchungs-Versaut. Kurz vor Crash-Versaut. So etwas ist mir seit meiner Flugschülerzeit nicht mehr passiert, und ich weiß nicht genau, ob überhaupt. Natürlich legt jeder mal schlechtere Landungen hin, das ist ganz normal – aber das gestern?

Maze meint, wenn ich nochmal todmüde in ein Flugzeug steigen würde, würde sie mir die Klit rausbeißen. Oder den Schlüssel abnehmen. Was gerade besser passt.

Stimmt, ich war todmüde, ich konnte kaum noch die Augen aufhalten. Was hätte ich darum gegeben, wenn ich einen brauchbaren Copilot gehabt hätte. Hatte ich aber nicht. Tatsächlich – und da hat sie natürlich Recht – sollte man in so einem Zustand weder ins Auto, noch aufs Motorrad und schon gar nicht in ein Cockpit klettern. Die Reaktionszeiten lassen gewaltig nach, und man merkt es noch nicht einmal wirklich. Man denkt, okay, gleich sind wir da, nur noch schnell landen und dann ins Bett.

Am Arsch!

Das war hochgradig unverantwortlich und ich hätte es wissen müssen!

„Jetzt siehst du, warum du keine Airliner mehr fliegen solltest“, erklärt mir mein Dämon. Ja, ja, sie hat ja Recht. Und ich fliege ja auch keine mehr. Beruhig‘ dich, Maze! Ich glaube allerdings, dass sie es mir wirklich übel nimmt.
Das Problem mit Dämonen ist, dass sie in der Hölle Folterknechte sind. Und Mazikeen ist ein besonders Guter. Ich fürchte, dass sie mich für diese Sache bei nächster Gelegenheit ziemlich übel auspeitschen wird.

Ich gebe es ungern zu, doch ich habe es wirklich verdient. Nein, es war kein Fehler nach dem Motto: ach Mist, Scheiße gebaut! Nein, das war schon unverzeihlich, denn wir sind wirklich haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschrappt.

Das Wetter war ziemlich übel, das wusste ich schon vor dem Start. Der Flug dauerte etwas über eine Stunde; ich dachte, das würde ich noch locker schaffen, doch eine halbe Stunde vor der Landung war meine Müdigkeit nicht mehr zu überspielen, und beim Approach, dem Landeanflug, konnte ich meine Augen kaum noch offenhalten. Glücklicherweise verfügt Runway 6 über ein automatisches Landesystem, das sogenannte ILS (Instrument Landing System). Beim Start war der Overcast in Prudhoe Bay, die Wolkendecke, mit 700 Fuß Höhe angegeben, doch das Wetter verschlechterte sich und als wir schließlich den Flughafen erreichten, hatte sich nicht nur die Wolkendecke auf 400 Fuß gesenkt, sondern auch die Sichtweite lag nur noch bei 5 Meilen. Letzteres ist ganz okay, kein großes Problem, wäre nicht die ganze Landschaft weiß in weiß.
Das ILS, um das kurz zu erklären, führt das Flugzeug vollautomatisch bis zur Landebahn, wo der Pilot das Steuer etwa in Höhe seiner Decision Height, der Entscheidungshöhe, übernimmt. Diese Höhe über Grund, in der Regel etwa 200 Fuß, – ich reduziere sie bei der Diamond auf 150 Fuß – ist quasi die letzte sichere Chance ein Go Around, ein Durchstarten, zu initialisieren: Fahrwerk einfahren, Landeklappen auf Take-Off und Motoren auf Startpower. Eine sehr sichere Sache, führt man das Manöver in akzeptabler Höhe durch.

Mein erster Fehler – abgesehen vom Losfliegen mit Schlafaugen, war das Ignorieren des Crosswindes (Seitenwind), der bei etwa 10 Knoten lag. Nicht zu viel, aber auch nicht zu verachten. Wir brachen also auf 400 Fuß (121 Meter) durch die Wolkendecke, meine müden Augen mussten sich einen Moment an das Weiß gewöhnen, ich erkannte dann aber akzeptabel schnell die Landebahn. Was ich nicht beachtete war, dass der Seitenwind uns schon ein Stück nach links geblasen hatte, und ich schon an diesem Punkt mit dem Ruder hätte korrigieren müssen.
Ich meldete dem Tower, dass wir das Final erreicht hatten – der letzte Teil des Landeanflugs – und fuhr die Landeklappen komplett aus. Das bereits 1,5 Meilen vor dem geplanten Aufsetzen zu tun, ist bei einer Diamond, mit ihren extralangen Flügeln, keine besonders gute Idee. Keine Ahnung, was ich mir dabei gedacht habe, sonst mache ich das vielleicht 500 Meter vor dem Aufsetzen; vermutlich schlief dieser Teil meines Hirns: Es hatte zwei Effekte. Zum Einen reduzierte es unsere Geschwindigkeit weiter, zum Anderen blies uns der Wind noch weiter nach links. Das Aligning, das Ausrichten des Flugzeuges mit der Landebahn, wurde schwieriger und schwieriger. Die Kombination aus Seitenwind und niedriger Geschwindigkeit machten es fast unmöglich.
Wir passierten die Go-Around-Marke und als ich auf den Tacho blickte, packte mich das blanke Entsetzen: 80 Knoten! Viel zu langsam! Und die Diamond begann sich schon zu schütteln. Ich schob die Throttles (die Gashebel) ein Stück nach vorne, um nicht weiter an Geschwindigkeit zu verlieren, doch viel zu wenig. Wir sanken bereits vor dem Runway-Threshold, die Marke, die überflogen werden muss.
Flare, flare, flare, dachte ich viel zu spät! Der Flare ist das Heben der Flugzeugnase, damit das hintere Fahrwerk zuerst aufsetzen kann, bevor sich auch das Bugrad auf die Bahn senken kann.
Und dann: Der Threshold war rechts von mir, wo er doch genau unter uns hätte sein müssen! Was nicht mehr und nicht weniger bedeutete, dass wir NEBEN der Landebahn flogen! Und zwar so tief, dass das Aufsetzen unmittelbar bevorstand. Eigentlich hätte es jetzt nur noch eine Chance gegeben: Durchstarten, mit allem, was die Motoren hergaben!
Stattdessen hob ich die Nase zum Flare und war überzeugt, ich könne mittels Ruder die Maschine noch auf die Landebahn ziehen. Fehler.
Die Nase hob sich ganz brav nach oben, aber da wir nicht mehr im Sinkflug, sondern parallel zum Boden unterwegs waren, hatte sich die Sache mit der Sicht nach vorne damit erledigt. Alles, was ich machen konnte, war, mir die Landebahn rechts neben uns zu betrachten. Ich hatte nicht wirklich eine Ahnung, wie tief wir waren, doch da ganz offensichtlich die Groundforce uns über dem Boden hielt, konnten wir eigentlich nur wenige Meter hoch unterwegs sein. Die Groundforce ist eine Kraft, die Flugzeuge ein Stück weit über die Landebahn gleiten lässt, so fern sie schnell genug sind, grob gesagt, ohne dass der Pilot dies aktiv einleiten muss. Die Diamond, vermutlich auch wieder aufgrund ihrer überlangen Flügel, entwickelt davon so viel, dass man den halben Runway damit entlang gleiten kann. Und das war dann wohl auch mein Glück. Sobald ich gesehen habe, dass wir auch nur irgendwie die Landebahn rechts von uns erreicht hatten – Ruder, Ruder, Ruder! – drückte ich die DA62 nach unten und wir setzten krachend mit allen drei Rädern gleichzeitig auf. Nicht im Sinne des Erfinders, doch lieber etwas unelegant gelandet und hinterher das Fahrwerk inspizieren, als die Maschine neben die Bahn zu setzen und sie dabei zu verschrotten. Und billiger ist es außerdem.

Ich schätze, mein Blutdruck lag bei über dreihundert.

Zu müde, Crosswind missachtet, zu langsam, zu tief angeflogen und nicht durchgestartet. Nach zwanzig Jahren Flugerfahrung gleich fünf Anfängerfehler auf einmal.

Ich fürchte, ich habe es verdient, dass mein Dämon die Peitsche auspackt.

Das gibt Ärger!

3 Comments »

  1. Schön, dass die Landung glimpflich ausgegangen ist.
    Mir und sicher allen Deinen Fans ist in jedem Fall wichtig, dass du und natürlich auch Maze (und evtl. Passagiere) unverletzt gelandet seid!!

    Gefällt 1 Person

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