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Wie bunt ist bunt?

Ich kann mir nicht helfen, doch ich fand die Frau schon ziemlich cool.

Sie war zwischen 50 und 60 Jahre alt, also laut heutiger Definition mitten im Leben stehend. Ihre Aussage bei der Umfrage fand ich ziemlich beeindruckend: „Früher gab es nur zwei Geschlechter, heute, glaube ich, schon drei. Ich schätze, in den nächsten Jahren kommen wohl noch ein paar dazu.“

Ich musste so lachen.

Nicht etwa über die Frau, oder über ihren Gedanken, sondern dass es jemand so perfekt auf den Punkt bringt und ich die Gesichter so vieler Buchstabensammler aus der ehemals noch übersichtlichen LGBT-Gemeinde quasi vor mir sehen kann. Ich selbst habe, offenbar genauso wie die befragte Frau, längst aufgegeben, dabei noch durchzublicken. Obwohl es ja eigentlich ganz einfach sein sollte, wie unlängst jemand meinen Artikel „Einbahnstraße Feminismus“ kommentierte: „Selbst ich als CIS-Mann verstehe das. Es ist ganz sicher keine Raketenwissenschaft.“ Nein, ist es nicht, denn Raketenwissenschaften verstehe ich als Pilotin zumindest ansatzweise. Aber was, zum Teufel, ist ein CIS-Mann?*

In das einst so klar umrissene LGBT, drängen immer mehr Queer-Gruppen und verlangen eine Beteiligung an der Überschrift, die sich dadurch mittlerweile wie ein Randgruppen-Alphabet liest. Ich möchte mich jetzt lieber nicht über den Sinn und Unsinn von unverständlichem Buchstabensalat auslassen, sondern eher über das nachdenken, was die mutige Frau in der Umfrage so treffend auf den Punkt gebracht hat: Brauchen wir das alles wirklich? Was kommt als Nächstes? Ein „F“ für Fetischist, ein „M“ für Masochist, ein „S“ für Sadist, ein „P“ für Polyliebhaber, ein weiteres für Pferdchen, ein „F“ für Fußfetischist? (Vorschlag: Wenn sich die Buchstaben wiederholen, hängen wir einfach eine Zahl dran.)
Ein dummer Witz? Mitnichten, denn das alles sind Menschen, die so oft sagen, „Hier stehe ich und kann nicht anders“. Schon einmal gehört? Haben diese Gruppen keinen Buchstaben verdient? Sind Masochisten (M) oder Subs (S) etwa weniger wert als Nonbinäre (N) oder Agender (A)? Ich vögele in der Regel auch durch die Gegend, und lebe selten mit nur einer Frau zusammen, ich brauche aber deswegen keinen eigenen Buchstaben. Und schon gar kein eigenes Geschlecht.

„RMF“ für rauchende, masochistische Fetischistin

Ich kapier’s nicht. Ich, als (ehemalige) Grünen-Wählerin in England, kapier’s nicht! Daher kommt übrigens auch das „ehemalige“. Wer heutzutage „grün“ ist, muss auch die Buchstaben verstehen – und wenn schon nicht verstehen, dann doch wenigstens akzeptieren. Und natürlich auch den ganzen Terror-Feminismus, den die einst bunte Quotenpartei propagiert… Wer da nicht mitzieht, oder in Deutschland gar das generische Maskulinum benutzt, ist – zumindest macht es zwischenzeitlich diesen Eindruck – nicht einfach anderer Meinung, sondern ist ein äußerst unliebsamer Zeitgenosse, ein Gegner gar. Nein, für mich hat die Farbe Grün heute einfach zu viel Ähnlichkeit mit Braun bekommen. Nicht, dass das bei anderen „fortschrittlichen“ Parteien anders wäre…

Wen wundert da eigentlich noch der wild wuchernde Populismus? Wenn ich, als bekennende Feministin, nicht mehr sagen darf, dass Männer und Frauen verdammt verschieden sind, wenn ich nicht mehr anzweifeln darf, ob es Sinn macht, wenn Frauen nachts im kurzen Kleidchen durch einsame, dunkle Hinterhofstraßen wandern, oder ich feststelle, dass ich kein Problem damit habe, dass mir ein Mann auf den Arsch haut, wenn er auch die anschließende Ohrfeige aushält, dann stimmt in dieser Gesellschaft tatsächlich Einiges nicht.
Und angehende Schauspielerinnen, die sich ficken lassen, um einen Job zu bekommen, nur um danach… Nein, den Kommentar spare ich mir an dieser Stelle, dazu komme ich in einem anderen Eintrag, das sind zu viele Baustellen auf einmal.

Warum soll Frauen mehr geglaubt werden als Männern?

Ich wäre gar keine Feministin, wird geschrieben. Ich wäre vielmehr eine reaktionäre Sklavin des Patriarchats. Wow! Wenn ihnen sonst nichts mehr einfällt, werden meine Geschlechtsgenossinnen (und -genossen?) gerne zu Fremdwortspezialistinnen.

Aber sind Sternchen in Wörtern und Schauspielerinnen, die sich an die Spitze ficken, wirklich wichtiger, als dass Frauen nach einem Herzanfall erst eine Stunde später ins Krankenhaus kommen, weil ihre Symptome andere sind und es kaum jemand weiß? Dass Medikamentendosierungen in den Packungsbeilagen auf Männer abgestimmt sind und den unterschiedlichen Körperfettanteil von Frauen nicht in Rechnung stellen? Dass weibliche Dummys bei Crashtests in der Regel auf den Beifahrersitz gesetzt werden, und Frauen dadurch bei Unfällen als Fahrerin häufiger sterben? Dass die Schlangen vor Frauenklos länger sind, weil ihnen für die naturbedingte Sitzpinkelei nur der gleiche Raum als Männern eingeräumt wird und nicht etwa, weil sie mehr Zeit brauchen? Dass Bürotemperaturen auf den durchschnittlichen Männerkörper abgestimmt sind? Und so weiter und so fort.
Ja, ja, ich weiß: Zuerst die zugrunde liegenden historischen Ursachen behandeln und nicht die Symptome… Blablabla… Ich fühle mich in keiner Weise gesamtgesellschaftlich weniger beachtet, die Zeiten sind vorbei, ich stehe nur nicht gerne in langen Schlangen am Weiberklo an! Und dass mir jetzt bloß keiner mit Unisexklos kommt, wir sind hier nicht bei Ally McBeal!
Es wird lediglich Zeit, die althergebrachten Rollenungerechtigkeiten abzuschaffen. Und dafür brauchen wir Handlungen und keine Sternchen. Und schon gar keine grünen oder roten Politiker, die sich anhören, als würden sie sich bei jedem dritten Satz am Doppelpunkt verschlucken.

Genaugenommen entwickeln sich grüne und rote Parteien tatsächlich zu dem, was ihre rechten Kontrahenten ihnen vorwerfen: Sie werden zu Ausschlussparteien. Wer nicht mit der Parteilinie übereinstimmt, wird angefeindet, verleumdet und er/sie/es wird mundtot gemacht. Wobei sich mir dann immer die Frage stellt: Wer legt eigentlich die „Parteilinie“ fest und wer gibt grünen und roten Aktivisten das Recht, ihre eigenen Ansichten als die Vollendung von Frauen- und Minoritätenrechten zu reklamieren und ihre politische und gesellschaftliche Umsetzung mit Mobmentalität zu betreiben?

In dieser Hinsicht sind grün-rote und schwarz-braune Aktivisten und Sympathisanten kaum noch voneinander zu unterscheiden. Sei es in Europa oder den USA. Dass sich im grün-roten Morast mehr scheinbar intelligente Frauen sammeln als im schwarz-braunen Sumpf, macht die Sache für mich nicht akzeptabler: Es ist vollkommen egal, wer im Endeffekt dafür verantwortlich ist, dass Stimmen unterdrückt und Menschen und Meinungen mundtot gemacht werden; die Ergebnisse sind immer gleich: Hetze, Ausgrenzung und Verfolgung.
Die sozialen Medien machen das heute besonders einfach.

Ohne Worte

Für mich jedenfalls sind Frauen und Männer so unterschiedlich wie zwei Geschlechter nur sein können – und das nicht nur in optischer Hinsicht. Ich wehre mich gegen jede Form von Gleichmacherei und ich habe nicht vor, mich dem grün-roten Feminismusdiktat zu unterwerfen und mich von Leuten erziehen zu lassen, denen ich jegliche Kompetenz in Geschlechterfragen** abspreche, weil sie die Realitäten der Gesellschaft längst aus den Augen verloren haben. Als Frau, die Frauen liebt (das L in LGBTxyz) und als Frau, die im Leben „ihren Mann“ steht (das P in Pilotin und das A in Autorin), unterwerfe ich mich weder linkem noch rechtem Meinungsdiktat. Wer Beschimpfungen und Ausgrenzungen als Mittel des politischen Diskurses betreibt, der verspielt damit sein Recht als Demokrat*** ernst genommen zu werden.

In den sozialen Medien stelle ich mich solchen Diskussionen längst nicht mehr. Aus Prinzip antworte ich nicht mehr auf hämische Kommentare oder aggressive Nachrichten. Ich schreibe meine Blog-/Tagebucheinträge und wer sie nicht lesen mag, der muss es nicht und wer meint, sich in hässlichen Anfeindungen echauffieren zu müssen, hat jede Möglichkeit dazu.
Ich jedenfalls diskutiere meine Äußerungen nur noch im richtigen Leben mit richtigen Menschen und auch nur mit solchen, die immer noch an den bunten Idealen der 70er, 80er und 90er festhalten und andere Ansichten und Ideen respektieren.

Was jetzt nicht bedeutet, dass mir ein Typ ungestraft an den Arsch fassen darf!

Meine Titten gehören mir. Frauen sind völlig anders als Männer und doch so gleich. Wir brauchen keine Sternchen und keine neuen Buchstaben – wir brauchen grüne und rote Parteien, die sich endlich wieder auf ihren ehemaligen Grundwert der Diversität besinnen.

* Vorsicht: Ironie bzw. Sarkasmus. Heute muss man so etwas ja leider erklären, wenn es nicht irgendwelchen Parteilinien entspricht
** Solchen „Geschlechterfragen“ werde ich mich in späteren Einträgen eingehender widmen
*** Vorsicht: generisches Maskulinum!

3 Comments »

  1. Haha.
    Ich fands noch einleuchtend mit dem LGBT…, als es eben 4 Buchstaben hatte… Dann kam ein + dran… fand ich perfekt. Und dann begann das Buchstabenmassaker… Was mich ja wundert, ist das Q… Sind nicht alle in der Community irgendwie Queer? Dann wäre doch mit “Q-People” die Sache erledigt, oder? (Kläre man mich bitte auf, was ich übersehe… 😂)

    Gefällt 1 Person

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