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Bildzeitungsbildung

Gerade zurück.

Schon komisch, wieder mal in Deutschland gewesen zu sein. Ich habe die Chance genutzt, über den (leeren) Rhein-Main-Airport zu schlendern. Ich habe sogar ein Café gefunden, in dem man sitzen konnte. Na ja, nicht direkt IM Restaurant, sondern in einer Wartezone daneben, doch da es kleine, weiße Plastiktische gab, hat es sich ein wenig so angefühlt.
Ich bin aber froh, wieder zurück in Palm Springs zu sein, denn hier kann man in richtigen Cafés und Restaurants sitzen. Ist schon eine komische Welt, dieses ausgestorbene Deutschland. Obwohl – so leer war es gar nicht. Was die Menschen wohl alle zwischen ihren Flügen machen?


Was auch spannend war: die Menschen wieder Deutsch sprechen zu hören. Und wieder mal die typisch deutschen oberschlauen, selbst ernannten Ordnungshüter zu erleben, die tatsächlich überhaupt nicht wissen, wovon sie reden, aber unbedingt andere Menschen mit ihrer Dummheit traktieren müssen: „Haben Sie die Leute gefragt, ob Sie sie fotografieren dürfen?“
Die beste Methode, so ein Arschloch mit Bildzeitungsbildung*, überentwickeltem Ego und unterentwickeltem Schwanz loszuwerden, ist, sie freundlich aufzufordern weiterzugehen: „Verpiss dich, Wichser!“ (Manchmal hilft auch der Vorschlag, ihnen die vertrockneten Eierchen zu amputieren.) Das funktioniert mit Tauchsiedern so gut wie immer. (Ja, ich hasse solche Gestalten. Merkt man das?)

Ich war im Land der Wohnzimmer-Bürokraten, weil ich von einem Bekannten gefragt worden war, ob ich kurzfristig für seinen erkrankten Copiloten einspringen könne. Also bin ich mal kurz als FO einer 777 Frachtmaschine über den Teich gehüpft. Was mal wieder eine ganz andere Erfahrung war. Aber ich muss zugeben, dass ich einiges wieder vergessen habe… Meine Triple-Seven-Zeit ist auch schon eine Weile her. Der Rückflug allerdings, war dann wieder relativ normal. Ich musste ja auch weder starten noch landen, wobei ich das vermutlich im Schlaf gemacht hätten. War aber ja auch nicht unbedingt mein Job. Er hat mich gefragt, ob ich in Frankfurt starten möchte, doch ich habe dankend abgelehnt. Ich weiß nicht, ob ich nochmal so dicke Dinger fliegen möchte. Neben dem Piloten zu sitzen, war schon okay; mir reicht es jedenfalls, hin und wieder die Dash zu fliegen und ansonsten in kleinen GA-Flugzeugen** zu sitzen.

Noch ein interessantes Erlebnis am Rand: Neben mir (braver 1,5-Meter-Abstand) saß ein junger, arabisch aussehender Typ mit Rucksack und Rollkoffer und schlürfte seinen Kaffee oder Tee oder was auch immer. In einiger Entfernung liefen drei Polizisten vorbei, einer von ihnen mit martialischer Maschinenpistole über der Schulter. Den Typ sehen und die Richtung wechseln passierte gleichzeitig und scheinbar vollautomatisch. Ich weiß zwar nicht warum – Profiling gibt es ja angeblich nicht, oder doch? – aber vielleicht hatte er ja schmutzige Fingernägel und die Ordnungshüter vermuteten, er habe eine Leiche am Rand vom Rollfeld vergraben. Auf jeden Fall wollten sie seine Papiere sehen. Sie waren freundlich, das will ich zugeben. Es stellte sich heraus, dass es ein Masterstudent aus Heidelberg war. Als sie zusätzlich seinen Studentenausweis gesehen hatten, wurden sie noch freundlicher und scherzten sogar mit ihm.
Als sie gehen wollten, stand ich auf und fragte, warum sie mich denn nicht kontrollieren?
Antwort: „Setzen Sie sich wieder hin.“
„Und warum kontrollieren Sie nur ihn und nicht die übrigen dreißig Leute hier?“
„Setzen Sie sich wieder hin!“
Gerade wollte ich richtig aufmüpfig werden, da zoppelte der Student von unten an meinem Ärmel: „Ist schon okay“, nickte er: „Ich bin das gewohnt.“
„Bitte setzen Sie sich wieder hin“, forderte mich der Polizist sehr freundlich auf. Tatsächlich freundlich.
„Bitte“, lächelte mich der Student an und zog nochmal an meinem Uniformärmel.
„Ja“, rief jetzt jemand ein paar Tische weiter: „Warum kontrollieren Sie nur ihn?“

Es scheint noch nicht alles verloren zu sein, denn anständige Menschen gibt es wohl auch in Deutschland.

Andererseits: Amerikanische Polizisten hätten den Studenten wohl erst erschossen, bevor sie nach seinen Papieren gefragt hätten.

Ich habe nachgegeben, mich wieder hingesetzt und mir kopfschüttelnd angehört, dass der orientalisch aussehende Heidelberger so gut wie immer kontrolliert wird, wenn er fliegen will. Und dann habe ich noch einen Kaffee getrunken – weil er ihn mir spendiert hat.

* Falls jemand ebenfalls vom Thema „Recht am eigenen Bild“ keine Ahnung hat und nur die Scheißhausparolen kennt: Fotografieren darf man so ziemlich alles und jeden, nur darf man die Bilder nicht veröffentlichen, das ist der springende Punkt. Und auch das gilt nicht für Menschengruppen, sondern nur, wenn man Einzelne optisch besonders herausstellt. So etwas weiß man, wenn man mit einem deutschen Journalisten zusammenarbeitet und mal mit einer deutschen Journalistin – zumindest sexuell – zusammen war. Aber das nur nebenbei.

** GA = General Aviation. Nicht kommerzielle Luftfahrt. In der Regel ein- oder zweimotorige Piston- oder Turboprop-Maschinen oder kleine Privatjets.

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