Orgasmen mit Röhren

Zeit, um Musik zu hören.

Nicht wirklich Zeit, doch sich die Momente zu stehlen, gehört dazu. Außerdem kann man vieles auch tun, wenn man Kopfhörer trägt oder im Zweifel Ohrhörer. Für mich neue Sängerinnen zu entdecken, wie zum Beispiel Amy McDonald, das geht auch beim Arbeiten. Nicht, wenn ich mit Kollegen Routen bespreche oder im Cockpit sitze oder in Meetings, doch die Zeiten dazwischen stehle ich mir für Tidal und für meine Melomania-Ohrhörer oder meine Sennheiser Kopfhörer.

Ja, ich gebe zu, ich bin 100% audiophil, sehe es aber nicht ein (und kann es auch nicht), Zehntausende von Dollar dafür auszugeben. Vielleicht für Vinyls, aber nicht für Equipment. Musik kann man auch mit mittelpreisigen Hifi-Geräten hören.

Was ich jedoch nicht verstehe, wie Erwachsene Musik mit 20-Euro-Ohrhörern oder gar mit Handylautsprechern genießen können. Da bekomme ich musikalische Akne. Das ist keine Musik mehr, das ist Instrumentenmatsch. Krach. Während meines Studiums hatte ich auch keinen Penny, doch ich sparte sogar am Essen, um mir meine ersten 100-Pfund-Kopfhörer zu kaufen. Sony waren das, glaube ich. Eine Frage der Prioritäten? Mag sein. Meine Priorität jedenfalls, liegt auf Musik; ich will die Instrumente hören, und zwar einzeln, und ich will die Sängerinnen auf der Bühne „sehen“ und zwar nicht begraben unter einem Berg von Krach.

Ich liebe Musik. Ich liebe es, still und stumm zuzuhören. Ich liebe es, zu tanzen. Ich liebe es, mitzusingen. Alles zu seiner Zeit. Aber wenn man etwas liebt „ist das Beste gerade gut genug“.

„Das Beste“ bedeutet in diesem Fall, mit Hifi-Geräten seinen Wunschsound zu kreieren. Sobald das möglich ist, weiß man, dass man beim „Besten“ angekommen. Manche Leute lieben den knackigen Sound von Transistoren, andere den etwas matschigeren von nicht modifiziertem Mobil-Streaming. Ich brauche den weichen Klang von Röhren. Das macht Frauenstimmen sexy, rundet Bässe ab und verleiht sogar elektronischen Schlagzeugen eine gewisse „Echtheit“. Kurz: Röhrentechnik erzeugt Bühnen- und Live-Sound. Das geht bei mir so weit, dass ich beim mobilen Hören, wo ich nur kann, eben nicht mittels Kopfhörerausgang – und damit per eingebautem Billig-Vorverstärker – Musik genieße. Ich benutze die Line-Ausgänge meiner tapferen, von anderen ausgemusterten High-End-Minidisc-Walkmen. Ich schicke die Musik über kleine, batteriebetriebene Röhrenvorverstärker in meine Kopfhörer. In der einen Hosentasche den Minidisc-Player, in der anderen den Vorverstärker und meinen Sennheiser auf den Ohren.

Ja, Minidisc, in der Tat. Viele Audiophile bekommen alleine bei dem Wort Trommelfellkrämpfe. NOCH mehr Komprimierung als bei CDs? Das geht für viele ganz und gar nicht! Ich jedenfalls behaupte, dass der Unterschied zur CD erst mit richtig teuren Hifi-Geräten zu hören ist. Und ich rede hier nicht von ein paar hundert Dollar, sondern von 3000-Dollar-Kopfhörern. Wie gesagt: mit diesen Preislagen kann ich nicht mithalten. Davon abgesehen, hat jedes Musikmedium seinen ganz eigenen Sound: alte Beatles-Aufnahmen zum Beispiel, höre ich am liebsten mit meiner Vintage-Revox, mit Kassettenspielern oder
mittels alten Vinyls, die eben nicht neu gemastert wurden.

Ich bin ein Minidisc-Fan. Sie sind praktisch und eignen sich wunderbar zur Röhren-Klangaufbereitung. Sollte ich jetzt andere Audiophile verschreckt haben: Jeder hat andere Ohren und andere Vorlieben. Wie beim Sex.

Meine musikalischen Orgasmen entstehen mittels Röhren nach Vinyl- oder Minidisc-Vorspiel.


Und dann gibt es da noch meine Bücher:
https://tinyurl.com/y38cg4ur

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. 64er sagt:

    Was bin ich froh, dass ich noch alle meine Vinyls habe und mittlerweile wieder richtige Alben von echten Künstlern produziert werden.
    Die „neue“ Springsteen läuft rauf und runter – und ganz ehrlich mittlerweile verursacht sogar das Umdrehen wahre Glücksgefühle.

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