Lebenslang

Es wird nicht besser. Es wird kein bisschen besser. Die Leute sagen es wird besser – irgendwann. Es wird nicht besser. Auch J. sagte, es würde besser werden, sie hat gelogen; es wird nicht besser und sie wusste es.

Es wird nie besser, kein bisschen wird es besser. Ich solle erst einmal die Bilder abhängen, sagen die Freunde mittlerweile leise, doch J. und ich hätten jeden umgebracht, der sie angefasst hätte.

Ich habe gemordet.

Natürlich hat die Ärztin ihn umgebracht – mit dieser widerlich großen Spritze, doch ich hatte ihn zu ihr gebracht, damit sie ihn umbringt. Wie man das so macht, wenn der über alles Geliebte leidet und leidet. Dann lässt man ihn umbringen – einfach so. Auch wenn er erst fünf Jahre alt war. Man entscheidet sein Leben zu beenden und ein Mitspracherecht hat er nicht. Und was, wenn ihm die vielen, vielen Minuten und Stunden Schmusen, die er noch gehabt hätte, viel wichtiger gewesen wären als die Schmerzen? Er hatte kein Mitsprecherecht! Ich fühle mich nicht nur wie eine Mörderin, ich bin eine Mörderin! Eine widerliche Mörderin! Ich werde immer eine sein. Und ich werde diesen Moment, in dem Oskars Seele ging, in dem ich ihn festhielt wie niemals etwas anderes zuvor, niemals mehr vergessen – niemals! Denkt doch alle ich wäre verrückt – What the fuck! – ich habe mich niemals darum geschert, was andere von mir denken. Schert euch zum Teufel!

Einmal, für ein paar Tage – nachdem ich meine neue Hündin bekommen hatte, dachte ich es würde besser werden. Wenigstens ein ganz klein wenig. Sie ist genauso weiß wie er, genauso stur, genauso Boxer und – doch nicht er. Und nach ein paar Tagen stelle ich fest, dass ich mir Mühe geben kann wie ich will – ich finde einfach den Bezug nicht, obwohl sie es mir eigentlich einfach macht und eine treue, liebe Seele ist. Geliebt werden will, geliebt werden kann. Außer, dass – ich nicht kann. Ich kann mich um sie kümmern, lieb sein, nett sein, doch was ich ihr nicht geben kann, ist – ja, ich kann es nicht so oft aussprechen. Es ist, als hätte ich alle Liebe aufgebraucht. Das ist so fucking unfair!

Julia sagte, ich solle zu einem Therapeuten. Mir müsse geholfen werden. Garantiert hat sie recht. Ich will keinen Therapeuten. Ich will weiter weinen. Er hat es nicht verdient, dass ich aufhöre zu weinen.

Er würde nicht wollen, dass ich wegen ihm unglücklich wäre, sagt sie? Fuck you! Oskar war ein Hund! Der würde gar nichts anderes wollen als Stöckchen werfen, rennen, schnüffeln, schmusen, schlafen und – nein, an „fressen“ darf ich nicht denken, dann muss ich gleich wieder heulen. Weil er wegen dieser Scheißkrankheit nichts mehr gefressen hat. Ach was rede ich, ich heule doch sowieso die ganze Zeit während ich das schreibe!

Ich weiß wie sehr meine Heulerei den anderen auf die Nerven geht. Würde es mir auch. Tut es sogar. Aber das Leben macht nun mal ganz miese Sachen. Eine (Jetzt)-Ex-Freundin hat mir mal allen Ernstes gesagt, ich solle doch mal überlegen, was mir lieber gewesen wäre, den Hund zu verlieren oder nie mehr fliegen zu dürfen! Ich habe sie derart verprügelt, dass die Narben von ihrem gebrochenen Knie und die der Schönheitsoperationen immer noch nicht verheilt sind. Ist jetzt ein dreiviertel Jahr her. Die Mädels hatten sie zu einem befreundeten Arzt geschleppt, um die Polizei nicht auf die Sache aufmerksam zu machen. Kurz danach hatte Jennifer ihr eine fünfstellige Summe überwiesen. Ich muss aber sagen, es hat mir gutgetan. Der Arzt hatte gemeint, ich müsse an meiner Aggressionsschwelle arbeiten. Auf norwegisch, das verstand ich nicht – sein Glück.

Jennifer hatte es wohl auch nicht verstanden, denn sie hatte gegrinst, als sie den Scheck geschrieben hat und gemeint, das nächste Knie gehöre ihr. Sie hätte noch Schecks übrig. Ich weiß: Oskar war fast noch mehr ihre große Liebe als meine.

Jennifer war die Einzige, die mich jedes Mal, wenn ich heulte, entweder in den Arm nahm oder mir einen kleinen Kuss gab. Dann wusste ich mal wieder, dass sie wusste was ich empfand. Weil sie das Gleiche – oder zumindest etwas Ähnliches – empfand, es nur irgendwie schaffte nicht zu heulen.

Späterer Nachtrag:

Ich kann es nicht. Ich meine, ich kann sie tatsächlich nicht lieben. Nicht nur, weil sie unsere Katze verjagt, sondern weil sie nicht so ist wie er. Ich betrachte sie und sehe ihn und wenn sie die Dinge macht, die sie macht, dann weiß ich, dass sie nicht er ist. Dann fange ich schon wieder an zu heulen. Manchmal bekomme ich auch einfach nur Wut. Weil sie unsere Katze verjagt – wozu sie kein Recht hat – aber wohl auch, weil es so ungerecht ist, dass Oskar nicht mehr bei uns sein darf. Ist das ungerecht? Oh ja, das ist es! Aber kann jemand etwas gegen seine Gefühle tun? Geht das? Nein, ich finde keinen Bezug, nicht wie ich am Anfang dachte. Ich hatte ja gehofft, ihr trotz allem ein gutes Frauchen zu sein. Ich bin ja nun mal ein Hunde-/Katzenmensch. Aber fast sieht es so aus, als wäre ich es nach Oskar nicht mehr. Als ob die Erfahrung jede Emotion in mir getötet hätte.

Natürlich: Jeder sagt, ich hätte das Richtige getan, sogar im Gegenteil, ich hätte viel zu lange gewartet – aus Egoismus. Aber hat jemals irgendwer irgendeinen Hund tatsächlich gefragt, was er will?1 Wieso maßen wir Menschen uns an, entscheiden zu dürfen, was Hunde wollen? Bei Menschen – ja, da ist plötzlich alles anders! Da interessiert es niemanden, was der betreffende Mensch will, obwohl der Mensch sich sehr wohl äußern kann und es gewöhnlich auch tut. Wenn der Mensch sagt, er will gehen, weil er die Schmerzen nicht mehr aushält oder sein Leben nicht mehr lebenswert ist – er darf nicht. Wie soll ich das jetzt verstehen: Der eine kann sich nicht äußern und wird getötet, der andere kann sich äußern und darf nicht sterben? Wie heuchlerisch ist das denn?

Natürlich (schon wieder): Ich habe denjenigen nachgegeben, die sagten, wie schlimm es für Oskar sei, weiterzuleben. Weil es die Medizin sagt. Die Wissenschaft. Ich habe nachgegeben, weil ich ein wissenschaftsgläubiger Mensch bin. Weil ich kein spiritueller Mensch bin.

Was nichts daran ändert, dass diese Entscheidung nicht aufhört mich zu verfolgen. Dass die Bilder, die dieser Entscheidung folgten, jeden Tag in meinem Kopf materialisierten, dass sie das seit Jahren tun und dass sie das den Rest meines Lebens tun werden. Und ich keine Ahnung habe, wie ich das ändern soll.

Jeder, mit dem ich darüber spreche, hat die gleichen, immer wiederkehrenden Argumente parat: die wissenschaftlichen. Die Argumente auf deren Basis ich diese Entscheidung getroffen hatte.

Aber was, ZUM TEUFEL, ändert das daran, dass ich nicht mit meiner Entscheidung umgehen kann?

ICH KANN ES NICHT UND WERDE ES NIE KÖNNEN! Tötet euren besten Freund, bringt ihn zum Arzt und schaut zu, wie er die Spritze bekommt und wie er euch plötzlich verzweifelt und um Hilfe bettelnd anschaut…

Das Leben muss weitergehen, heißt es. Natürlich muss es das.

Zusammen mit seinen sterbenden Augen.


(Der Anfang von „J. – Forever„)

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