Pleite, faul, gefräßig

Nachdem ich die Q 400 von Denver nach Burbank geflogen hatte (das ist direkt bei Los Angeles, in einem Städtchen namens Hollywood), habe ich dann die ganze Produktionsbande eingeladen und nach Senoma geflogen. Dort hänge ich erst einmal fest, weil die Regularien vorschreiben, dass ich zwischendurch auch mal schlafen muss. Und genau dort, hat mich Anik erwischt.

“Na, Schwesterchen, macht die Bombardier Spaß?”

“Nenn mich nicht Schwesterchen!“

„Also?“

„Also was?“

„Die Q 400. Ob sie Spaß macht?“

„Ihr habt mich um ein Uhr morgens nach Burbank gehetzt und dann im Anschluss gleich weiter hierher. Was soll daran Spaß machen?“

„Aha! Es hat dir Spaß gemacht! Du fliegst gerne in den Sonnenaufgang.“

„Was willst du von mir, kleine Schwester?“

Bezeichnenderweise hat Anik das „kleine“ übergangen. Also will sie eindeutig was von mir!

„Miranda will nicht mehr mit dir arbeiten.“

„Sie hat schon gekündigt? Das ging schnell!“

„Nein, sie will, dass DU gehst!“

„Warum? Was habe ich gemacht?“

„Sie sagt, du wärst eine Querulantin. Außerdem würdest du alles, was sie sagt, ablehnen oder zumindest unablässig hinterfragen, du würdest ständig meckern, wärst ununterbrochen schlecht gelaunt, würdest nur arbeiten, wenn sie dich fünfmal bittet und…“

„Ja ja… Dass ich pleite, faul und gefräßig bin, haben wir ja jetzt etabliert… Was will sie von mir?“

„Dass du aufhörst ihr auf die Nerven zu gehen…“

„Ich bin Tammy.“

„Ja, das habe ich ihr auch gesagt. Das ist ihr egal.“

„Hat sie ‚sie oder ich‘ gesagt? Hat sie? Hat sie?!“

„Nein. Das macht eine gute Chefin nicht.“

„Schade.“ Ich war enttäuscht

„Warum ärgerst du sie unablässig, Tammy?“

„Tue ich das?“

Es entstand eine kleine Pause, sie schien nachzudenken. Das macht Anik manchmal. Nicht nachdenken, sondern Pausen. Wegen dem Effekt. Sie will, dass die Leute glauben, sie müsse nachdenken. Außerdem will sie allem, was sie danach sagt, mehr Bedeutungsschwere geben.

„Das muss aufhören, Tammy!“

„Halt dich aus meinem Berufsleben raus, Anik!“

„Du willst überhaupt nicht arbeiten, richtig?“

„Das tut nichts zur Sache!“

„Ich habe einen Vorschlag für dich.“

„Deine Vorschläge haben immer mit Arbeit zu tun. Ich lege jetzt auf, Schwesterherz.“ Das hasst sie. Wenn sie mir etwas vorschlagen will und ich bin überhaupt nicht neugierig. Neugier hat mir irgendwer aus der Wiege geklaut.

„Interessiert mein Vorschlag dich denn gar nicht?“ Sowas fragt sie jedes Mal.

„Nein. Bis dann, Süße.“ Dass ich sie manchmal „Süße“ nenne, hasst sie, glaube ich, noch mehr. Aber es ist bezeichnend, wenn sie nicht darauf eingeht. Dann will sie ihren Vorschlag nämlich unbedingt an die Frau bringen.

„Tammy, ich…“

Klick.

Manchmal muss man eben einfach konsequent sein. Und wenn es nur darum geht, den Anderen zu ärgern.

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