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Boot fahren

„Unser Hub für den Westen, Norden und Süden ist in Denver, für den Osten verhandeln wir gerade in Cincinnati.“

Ich höre fasziniert zu.

„Wir haben bereits 28 Verteilerstandorte gezeichnet. Von Alaska bis Maine.“

Ich bin erstaunt über Aniks Enthusiasmus. So habe ich sie noch nie erlebt.

Doch sie ignoriert mich: „Und alle davon entweder kostenlos, für Spottpreise oder gegen Spendenquittungen!“

Das ist in der Tat faszinierend.

„Das hat natürlich hauptsächlich mit unserem Wohltätigkeitsstatus zu tun, doch oftmals auch mit der derzeitigen Lage in der Industrie.“

Das ist mir klar: Die sind froh, wenn sie überhaupt irgendwelche Flugbewegungen bekommen.

„Und noch besser: Wir reden hier nicht von Klein-Klein, sondern meist von Majorairports wie KLAX, KMEM oder KJFK. Das garantiert nicht nur 24/7 Flugverkehr, sondern auch Rund-Um-Die-Uhr-Abfertigung.“

„Okay, rück raus damit: Wo hast du die Kohle her?“, will ich wissen.

Ich sehe sie beinahe durchs Telefon schulterzuckend grinsen: „Ich hatte ein paar Dollar gespart. Außerdem laufen hier die Spenden ein – das glaubst du nicht!“

„Okay, das war die Charity. Und die Airline?“

„Da hapert es noch. Wir haben ein paar ältere Maschinen gefunden, die wir für ein Butterbrot bekommen haben. Aber die reichen noch nicht.“

„Ein paar ältere Maschinen?“

„Eine 228, eine Shrike, eine 690B und eine S360.“

Ich atme durch den Mund, weil der gerade so weit offensteht.

„Tammy?“

„Ja?“

„Noch da?“

„Irgendwie.“

„Einen Jet haben wir auch, für ganz eilige Geschichten. Eine 550.“

Jetzt schüttele ich den Kopf mit dem offenen Mund.

„Tammy?“

„Ich weiß nicht, so ich anfangen soll mich zu entsetzen! Hast du die Flieger aus Museen geklaut?“

„Hast du Geld für andere Flugzeuge? Wir brauchen alles Geld für die Medikamente. Das muss erst einmal richtig laufen.“

Ich muss das rekapitulieren: Meine Schwester hat eine Charity gegründet, die billige Medikamente im Ausland einkauft und in den USA an Leute verteilt, die sich keine leisten können. Die Verteilung übernehmen lokale Charitys vor Ort, die lediglich die Flüge der kommerziellen Airline bezahlen, die die Medikamente liefert. Die Airline wiederum ist ein Großspender von Aniks Charity. Und natürlich gehört die Airline ihr. Anik ist Vorsitzende der Charity und Boardmember der Airline.

GENIAL! Auf sowas muss man erst einmal kommen!

„Die DO 228 verstehe ich ja noch“, fahre ich fort mich über die Flugzeuge zu amüsieren: „Aber die beiden Commander? Und wo – um Himmelswillen – hast du denn die Short aufgetrieben?!“

„Ich komme aus dem Business, falls du dich erinnerst.“ Anik klingt etwas genervt.

„Ja, aber um die Flugzeuge hatte immer ich mich gekümmert und du hattest Probleme eine 737 von meiner einmotorigen Piper zu unterscheiden.“

„Witzig.“

„Und hallo? Eine 550 nennst du einen Jet?“

„Er hat doch zwei Düsen, oder etwa nicht?“

„Das nennt man ‚Strahltriebwerke‘. Und das Ding ist so schnell, dass ein Bus früher ankommt!“

„Ich weiß wie man das nennt!“ Anik grummelt: „Außerdem kommst du an dieser Stelle ins Spiel.“

„ICH? Was habe ich damit zu tun? Ich segle mitten auf dem Indischen Ozean und werde von einem Sturm verfolgt.“

„Das werde ich dir jetzt erklären.“

„Da bin ich aber mal gespannt.“

„Du hast…“

„Moment“, hebe ich die Hand: „Ich muss dich unterbrechen.“

„Okay.“

„Ja, Eva?“

„Kann ich Kakao?“

„Kann ich einen Kakao haben, bitte!“

„Ja“, antwortet die kleine Mistkröte.

Ich zucke resignierend mit den Schultern und begebe mich in unsere kleine Küche.

„Weiter“, nicke ich ins Telefon.

„Du wirst das verdammte Haus verkaufen und das Geld in die Airline investieren, außerdem wirst du…“

„Darf ich dich kurz unterbrechen?“

„Meinetwegen.“

Ich hole laut und hörbar Luft, dann halte ich den Hörer direkt vor meinen Mund: „NEIN!“ Und dann lege ich auf.

Ich muss mich sammeln. Während ich zuschaue, wie die Milch in der Mikrowelle überkocht, funktioniert das allerdings nicht so gut.

Meine Schwester will, dass ich mich an der Sache beteilige! WOW!

Das Telefon klingelt wieder.

„Ja?“

„Auch ja.“

„Was?“, frage ich genervt.

„Ich brauche jemand, der sich um die Flugzeuge kümmert.“

„Wie meinst du das?“

„Du könntest einen ähnlichen Job wie zuletzt machen.“

„Ich soll für dich arbeiten?“

„Du sollst dich beteiligen. Und irgendwie…“

„…für dich arbeiten. Träum weiter.“

„Was willst du, Tammy? Sag’s einfach.“

„Boot fahren.“

„Im Ernst jetzt!“

„Im Ernst jetzt: Boot fahren.“

„Du könntest wieder fliegen!“

„Boot fahren“, wiederhole ich.

„Und wie willst du die Renovierung von deinem Haus bezahlen?“

„Keine Ahnung“, antworte ich wahrheitsgemäß: „Aber mir fällt schon was ein.“

„Du könntest die komplette Fluglogistik übernehmen.“

„Boot fahren.“

„Den kompletten Flugsektor.“

„Boot fahren.“

„Und selbst fliegen.“

„Boot fa… Moment, was meinst du mit ’selbst fliegen‘?“

„Na ja, bei dem Gehalt, das du bekommen würdest, kannst du schlecht nur im Büro herumsitzen.“

„Ich bin krank.“

„Im Moment nicht.“

„Wenn du gerade krank bist, machst du eben nur Büro. Auch von zu Hause aus, wenn du willst.“

„Ich werde ganz sicher nicht nach Denver ziehen.“

„Dann wird der Hangar eben – was weiß ich – wo auch immer sein.“

„Du klingst irgendwie – verzweifelt?“ Ich überlege: „Findest du etwa niemand passenden?“

„Ich brauche jemanden, dem ich vertrauen kann.“

„Und da fragst du MICH?“

„Außerdem brauche ich für die Airline noch Investoren.“

„Und was habe ich damit zu tun?“

„Du kennst genug Leute.“

So stimmt das eigentlich ganz und gar nicht. Sie meint natürlich, dass ich genügend reiche Leute kenne. Und dass ich selbst Geld mitbringe.

„Ich kenne niemanden“, entgegne ich.

„Du bringst ein Haus mit. Was ist es wert? 15 Millionen? Das ist schon einmal was. Dafür können wir weitere Flugzeuge kaufen.“

„Du meinst ich kann weitere Flugzeuge kaufen.“ Außerdem hat sie den Wert völlig falsch geschätzt. Wie konnte ihr das denn passieren? Liest sie meine privaten Unterlagen nicht richtig?

„Nenn es wie du willst.“

„Du machst die Charity und mir gehört die Airline?“

„Träum weiter. Ich biete dir 25%. Und kein wie auch immer geartetes Stimmrecht. Du hast schon einmal eine Firma ruiniert. Nicht nochmal.“

„Ist ja lächerlich.“

„Dann sag mir endlich, was du willst, Tammy!“

„Boot fahren.“

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