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Begegnung der unbekannten Art (Teil 2)

Er saß vor mir! Er hatte sich allen Ernstes hingesetzt. Mir gegenüber! In weißer Uniform. Jetzt fehlte nur noch, dass er „Sup?“ fragte.

Mein normaler Ablauf wäre: Gegen das Schienbein treten und in dem Moment, in dem er unweigerlich den Kopf nach unten beugte, seine Haare zu packen und seine Stirn mit aller Gewalt gegen die Tischplatte zu donnern. Wirkte bislang immer zuverlässig.

Es war nicht seine Riesengestalt (193 cm, weiß ich heute), die mich am Durchspielen meines üblichen Ablaufs hinderte, es war irgendetwas in seinem Blick.


„Bist du lebensmüde?“, frage ich stattdessen.

Er schüttelt den Kopf: „Aber ich hasse meinen Job.“

Interessante Anmache, denke ich und schlage vor: „Kündige und setz dich an einen anderen Tisch.“

„Du bist nicht sehr gastfreundlich“, stellt er kopfschüttelnd fest.

„Versuch‘ es mit der Telefonseelsorge.“

„Du bist Pilotin?“

Wie er wohl DARAUF gekommen ist…

„Feuerwehrmann“, entgegne ich.

„Ah, daher das Westjet-Logo“, grinst er: „Bordfeuerwehr?“

Wenigstens ist er schlagfertig. Ich hingegen muss es mir inzwischen verkneifen, nach der Herkunft seiner Uniform zu fragen. Navy?

„Nun frag schon!“, animiert er mich.

„Ich versuche zu lesen“, entgegne ich und nehme mein Buch wieder auf.

„Handelsmarine“, sagt er.

Aha. (Also wie war das jetzt mit dem gehörnten Bloom?) Ich blättere eine Seite zurück.

„Gerade abgeheuert“, erklärt er.

Es ist schon so schwer genug den Bewusstseinsströmen zu folgen, aber wenn dann noch dauernd einer dazwischen quatscht…

„Ich suche einen neuen Job.“

Und wen genau interessiert das?

„Irgendetwas, das auch Spaß macht. Ich finde, Arbeit sollte auch Spaß machen.“

„Bewirb dich bei der Air Traffic Control.“ Denen scheint es nämlich Spaß zu machen, die Piloten zu schikanieren. (Mist, wie war das jetzt gleich?)

„Du bist kein sehr netter Mensch, oder?“, fragt er.

„Ich bin noch nicht mal ein normal netter Mensch“, entgegne ich in der Hoffnung, damit den finalen verbalen Schlag gelandet zu haben. Ich fange langsam wieder an, über die Schienbein-Stirn-Sache nachzudenken. (Und was macht dieser Stephen überhaupt im Bordell?)

„Hast du eigentlich auf alles Antworten?“

Wenn ich die hätte, müsste ich die Ulysses nicht so oft lesen.

„Wenn du mir schon auf die Nerven gehen musst, sei wenigstens still dabei.“ Ist doch wahr!

„Ich gehe dir auf die Nerven?“

„Nein. Ich stehe auf so ein Gejammer.“

„Ich heiße Ken“, sagt er, und hält mir seine Hand entgegen.

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