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Herzsprung

„Du weißt, dass es mir ziemlich gut hier auf deinem Boot gefällt, oder?“

Ich schaue Gabby mit hochgezogenen Augenbrauen an. Auf so eine Aussage folgt meistens ein „aber“. „Spuck’s schon aus, Gabby: Was willst du mir sagen?“

„Dass wir irgendwann wieder anfangen werden zu arbeiten.“

Als ob mir das nicht klar wäre. Joana ist schon ganz heiß darauf, was mir logischerweise nicht besonders gut gefällt.

„Wenn es in Hollywood schneller geht als erwartet, würdest du mich irgendwo in Südafrika an Land bringen?“

„Wir segeln Kurs Südafrika, wie du sicher weißt.“ Jedenfalls wenn der Scheißwind sich endlich dreht. Aber das soll ja angeblich noch diese Woche passieren. Zur Zeit kreuzen wir tapfer Richtung SSO und es wird Zeit, dass wir nach SO abdrehen können. „Aber wir haben noch Flautezonen vor uns.“

„Ganz ehrlich, Tammy, ich würde wirklich gerne länger an Bord bleiben. Aber die Arbeit…“

Ich nicke: „Joana ist auch schon ganz heiß darauf.“

Und sind wir ehrlich: Ich habe mir die Reise auch anders vorgestellt. Wir wollten Länder und Inseln BESUCHEN und nicht wegen einem Scheißvirus daran vorbeisegeln. Langsam wird mir der Ozean auch ein wenig zu groß.

„Aber ich komme wieder, wenn ich darf.“

„Falls wir mal irgendwann an Land gehen dürfen…“ Ich bin frustriert, wirklich. Andererseits, bedenkt man, wie gut wir es gegenüber Anderen haben…

„Stören wir dich eigentlich nicht, Eva und ich?“

„Das Dumme ist, dass ich euch ziemlich vermissen werde“, gebe ich ehrlich zu: „Wegen dem ganzen Ärger haben wir ausserdem ziemlich viel Zeit verschwendet.“

„Ja, und es tut mir auch sehr leid. Aber wir haben noch ein paar Wochen übrig, richtig?“

Ich nicke: „Drei, wenn alles wie geplant läuft. Aber ich tippe eher auf vier. „

„Du weißt, dass ich mehr bekommen als ich erhofft habe?“

„Du redest hoffentlich nicht von dem Schlag ins Gesicht…?“

„Ich rede von dir, Tammy. Du stellst mein Leben ganz schön auf den Kopf.“

„Aha?“

„Ich betrachte plötzlich meine Sexualität aus einem ganz anderen Blickwinkel.“

Ich schweige. Es scheint interessant zu werden.

„Ich musste feststellen, dass es in der Sexualität wichtigere Dinge als männlich und weiblich gibt“, fährt sie fort.

„Heisst?“

„Dass es nicht in mein angestammtes Rollenbild passt, dass ich mich in dich verguckt habe.“

Dazu kann ich gerade mal nichts erwidern, weil ich aufpassen muss, dass mein Herz nicht aus dem Brustkorb springt.

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