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Mein Sexspielzeug wartet

„Du willst mit mir über Gabby sprechen.“

Natürlich kann Joana sich das denken. Unser Sex hat sich über die vergangenen Tage erledigt und es ist klar, woran das liegt. Vermutlich ist es auch klar, dass ich nichts anderes im Kopf habe als das, denn sie weiß genau, dass ich ohne Sex alle 12 bis 24 Stunden in Schwierigkeiten gerate. Körperlich und geistig.

Klar bin ich in Schwierigkeiten und meine Vibratoren machen Überstunden, während ich meinen Kopf mit so unnötigen Dingen wie Navigation, Wetter, Rationenberechnungen und geschlossenen Marinas beschäftige.

„Ich will mit dir über die aktuelle Situation des Bootes sprechen“, lüge ich.

„Warum? Gehen wir unter?“ Anhand solcher Antworten kann man ganz leicht die Stimmungslage meiner Diva erkennen.

Das sind so die Momente, in denen ich mich frage, warum ich sie eigentlich so gnadenlos liebe. Wie das passieren konnte. Aber wenn man sich schon als Teenager in einen Fernsehstar verliebt und ihm plötzlich in Realität gegenüber steht und man zu ihrer besten Freundin avanciert…

„Wir können in Ascension nicht an Land.“ Das Beste in jeder Situation ist, sie mit harten Fakten zu konfrontieren. Wenn es solche gibt. Und diesmal gibt es sie.

„WAS?!“

Mit Fakten holt man Joana nämlich aus der Reserve.

„Warum, zur Hölle, können wir nicht an Land?!“

„Zu. Der Hafen ist geschlossen.“

„Das ist ja wohl ein schlechter Witz!“ Joana funkelt mich an. In solchen Momenten wechselt sie von Sarkasmus zu Zorn in Nullkommanichts.

„Covid-19“, erkläre ich und zucke mit den Schultern.

„Dann setz das Miststück in ein Boot und lass sie an Land rudern!“

Normalerweise hätte sie gesagt, dass „das Miststück“ an Land schwimmen soll, doch da ist immer noch Eva, Gabbys Tochter, und Joana ist, genauso wie alle anderen, ein wenig verknallt in die Sechsjährige.

„14 Tage Quarantäne, bevor irgendwer an Land darf.“

„SIND DIE BESCHEUERT?!“

Ich zucke mit den Schultern.

„ICH WILL MIT DENEN REDEN! GIB MIR DIE NUMMER!“

Daran, dass sie nicht nach einem Satellitentelefon fragt, sondern nach ihrem Handy sucht, kann ich unschwer erkennen, dass sie weiß, dass ihr bei den Behörden ihre ganze Berühmtheit nichts nutzt. Bestenfalls würden die sich ehrfürchtig verbeugen und ganz freundlich „Es tut uns leid, aber…“ sagen.

Und Edelhandys sind mitten auf dem Atlantik genauso nutzlos wie ein Ferrari.

„Dann müssen wir eben warten!“

„Das kommt überhaupt nicht in Frage“, schüttele ich den Kopf: „Wir nehmen Vorräte auf und segeln weiter in den Indischen Ozean. Ganz wie geplant.“

„Und sie bleibt nochmal sechs Wochen hier?“

„Sieht ganz danach aus.“

„Du bestehst wirklich darauf weiterzusegeln?“

Ich nicke. Es nervt. Und es nervt noch mehr, weil ich irgendwie selbst daran Schuld bin: Ich hätte die Angelegenheit mit Gabby durchaus weniger offen erledigen können. Aber es war mein Temperament, das in solchen Dingen mit mir durchgeht, weshalb wir nun in dieser Situation stecken. So sollte sich ein Captain eigentlich nicht verhalten. Wenigstens mache ich mir diesbezüglich nichts vor.

Doch jetzt ist es Joana, die es immer weiter eskalieren lässt, während ich schon seit Tagen versuche, die Situation zu entschärfen.

„Joana“, sage ich und benutze ausnahmsweise kein Kosewort für sie: „Das geht so nicht weiter! Ehrlich nicht! Willst du wirklich die nächsten sechs Wochen auf diese Weise verbringen?“

Ich weiß nicht, ob die Frage wirklich zu einer Änderung der Verhältnisse führen kann, doch es ist das, was mich bewegt. Und ganz ehrlich: Ich habe keine Idee mehr!

„Du hängst an Gabby, oder?“

Das kommt so plötzlich, dass mir die Zeit fehlt, mir eine brauchbare Antwort einfallen zu lassen.

Und getreu meiner Devise nicht zu lügen (oder möglichst nicht zu lügen und wenn dann nur ein bisschen), sage ich schlicht und ergreifend „Ja“, wohl wissend, dass es vermutlich die falsche Antwort ist.

„Ernsthaft?“

Ich hätte jetzt so etwas Schmalziges wie „Aber nicht so wie an dir“ sagen können, doch ich lasse es. Nicht mein Stil.

„Stehst du eigentlich auf jede Leinwandschlampe?“

„Auf die meisten“, grinse ich. Was nicht stimmt – aber sie will es so.

„Ich bin also eine Schlampe?“

„Eine Leinwandschlampe“, grinse ich. Die Aussage ist gefahrlos, denn sie wird gerne als Schlampe bezeichnet. Von mir. Beim Sex.

„Und was genau soll das heißen?“ Ihre Stirn fängt an sich zu kräuseln. Das kann sie, denn Botox kommt in ihrem Sprachgebrauch nicht vor.

„Dass ich verrückt nach dir bin“, sage ich möglichst emotionslos. Und wahrheitsgemäß. Scheiße!

„Schaff Gabby vom Schiff, dann ficke ich dich so lange du willst“, antwortet sie genauso trocken.

„Nein.“

„Nein?“

„Nein.“ Irgendwann reicht es mal!

Als ich mich umdrehe um so schnell wie möglich meine Vibratoren zu erreichen – „Warte!“

Mist! Ich laufe aus!

„Sie bedeutet dir so viel?“

Ich zucke mit den Schultern. Ich habe Angst vor der Wahrheit, weil das Schlimmste wäre, Joana zu verlieren.

„Obwohl sie ihre Tochter geschlagen hat?“

„Weil sie stark genug ist, es zuzugeben und verspricht, dass es nie wieder passiert.“ Jetzt gebe ich es doch zu: Gegenüber ihr und gegenüber mir selbst. „Ausserdem ist es jemand, der auch dir viel bedeutet.“

Schweigen: Ich habe Recht.

„Du fehlst mir“, gibt sie leise zu.

„Du fehlst mir“, entgegne ich.

Und dann drehe ich mich um und gehe. Mein Sexspielzeug wartet auf mich.

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