Gift

Es ist 4:20 UTC oder 1:22 Ortszeit.

Alles, was ich im Kopf habe, ist eine riesige Möse, die Fäden zieht. Ernsthaft. Ich habe solche Lust diese Fäden… Ach, lassen wir das.

Ich bin noch nicht mal wirklich geil. Jedenfalls nicht in dem Sinn Ich-Will-Jetzt-Auf-Der-Stelle-Sex-Geil. Eher so An-Mir-Rumfummeln-Geil. Das ist was anderes. Ich hätte jetzt nichts gegen einen Kopf zwischen meinen Beinen, der ein bisschen herumleckt – das ist aber auch schon alles. Weder Rumgeknutsche noch Turnübungen. Einfach so…

Ich habe gleich Schicht. Frühschicht. 5:00 UTC. Was hier so eine Art Zweite-Hälfte-Nacht-Schicht bedeutet. Das heißt, noch stundenlang im Dunkeln herumfahren.

Gähn.

Eigentlich mache ich das alles nicht mehr. Lasse Andere für mich die Drecksarbeit machen und übernehme das Ruder wenn und wann ich gerade Lust dazu habe. Irgendwie passen die Zweite Nachtschicht und meine Lust zu segeln gerade zusammen.

Wir haben 27° Celsius und endlich mal ein ganz klein wenig Nieselregen. Zwar nicht der Rede wert, doch der Körper freut sich. Der halbe Mond bricht ab und zu durch die Wolken und macht erstaunlich hell. Ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt, wie er die ganze Szenerie im Südatlantik beleuchtet.

Außerdem bläst der Wind mit 21 Knoten (True) und 25 Knoten (Apparent) was unsere Ketsch tatsächlich hoch am Wind auf fast 6,3 Knoten treibt! Gewaltig!

Ich muss an Schmitz‘ Katze denken, mit der wären wir jetzt mit fast 20 Knoten unterwegs. Ach was! Wir würden wahrscheinlich schon in einer Bucht sitzen und einen alten Scotch leeren. Aber das hier ist die Lady Brendan – ja, ich habe das Boot extra für diese lange Reise umgetauft, was unter Seefahrern durchaus üblich ist. Vor allem wenn man unter neuer Flagge fährt.

Unsere ist die der Europäischen Union, die natürlich als solche nicht anerkannt ist, doch sie weht immer dann, wenn unsere neue Landesflagge, die spanische, nicht vonnöten ist. Mazikeen, Ken und ich haben lange diskutiert und der internationale Name „Johanna Stella Maris“ war lange auf dem Tisch, doch erstens heißt jeder zweiter Frachter so (minus „Johanna“) und zweitens haben sich mit „Lady Brendan“ meine englischen Wurzeln durchgesetzt. Zwar ist „Brandan“ in Kombination mit jeglichem Weiblichen ein Widerspruch in sich, doch schließlich bin ich das auch. Und wenn wir das Boot schon nach einem alten Mönch benennen, soll der Arme wenigstens ein bisschen Spaß mit auf den Weg bekommen.

So „brettern“ wir jetzt mit über sechs Knoten durch 2,30 Meter hohe Wellen – mit bereits eingeholtem Besansegel, was sich auf einem alten Zweimaster schon ein wenig wie ein Worldcup Slalom anfühlt.

Das heißt, es macht Spaß.

Und da sich das im Morgengrauen alles noch ein klein wenig steigern soll, ist es für mich mehr Fun als Arbeit, das Boot auf den Wellen zu halten.

Das nur mal so, um ein klein wenig frühlingshaftes Atlantikwetter festzuhalten. Ich möchte gar nicht wissen, wie es wird, wenn in einem Monat die Hurrikane hier draußen geboren werden! Bis jetzt scheint der große Windmacher aber immer noch dabei zu sein, Luft zu holen. Im wahrsten Sinne des Wortes, irgendwie.

Was mich immer noch nicht daran hindert, an eine nackte, tropfende, Fäden ziehende Fotze zu denken. Viel zu tun ist hinter dem Ruder nämlich nicht. Na ja, darauf achten, dass die beiden konkurrierenden Swellperioden aus Nord und Südost uns nicht zu sehr von der Seite anschubsen und wir nicht zu hart am Wind zu segeln, damit er uns nicht in Eisen legt.

Auf letzteres weißt mich Ken immer wieder hin: „Lass sie ein wenig nach Norden laufen, der Wind ist zu unstet!“

Jaja…

Irgendwann kommt Gabby an Deck. Sie kann offenbar nicht schlafen; sie grüßt Ken und Elias, doch nicht mich. Ich wundere mich was Eva so macht. Sie wacht doch nachts immer auf und möchte Kakao!

Gabby…

Irgendwie bereue ich es, so wütend auf sie zu sein. Andererseits darf ich tatsächlich nicht daran denken, warum ich es bin. Sehen wir es realistisch: Wenn ich mich nicht mit Joana und ihrem Traumkörper ablenken könnte, würde jetzt vermutlich Gabby zwischen meinen Beinen liegen, weil ich ihr längst verziehen hätte. Manchmal passieren Dinge eben, von denen man sich wünscht, sie wären nie passiert. Das trifft auch auf das zu, was man selber tut. Man macht etwas und ist hinterher von sich selbst enttäuscht, ja selbst angewidert, weil man merkt, man hat etwas getan, was man bei anderen Menschen verurteilen würde. Doch Rückgängigmachen ist nicht drin und zu versprechen, dass es nicht wieder passieren wird, ist eben manchmal dann doch nicht genug.

Ich schätze, Gabby ist in so einer Situation.

Ich glaube, Joana sieht das anders. Muss sie ja auch, irgendwie. Sie ist die Betroffene. Sie ist die GEtroffene.

Aber wie sollen wir mit dieser Situation umgehen?

Ich bin der Captain. Eigentlich obliegt es mir, diese Angelegenheit im Sinne von Eva – und am besten im Sinne von allen – zu regeln.

Denn eines ist sicher: Die Sache beginnt die Luft auf dem gesamten Boot zu vergiften und DASS kann ich nicht zulassen.

Tammy

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Walter sagt:

    Hi Tammy, deine LeserInnen leben noch (zumindest ich). Zu deinen „Verhältnissen“ an Bord spar ich mir natürlich jeden Kommentar (weil ich weiß, es ist DEIN Tagebuch), aber was sind Knoten True und apparent? Und was sind Swellperioden? Ich könnte das ganze zwar auch Tante Google fragen, aber wofür lässt du Kommentare zu🤔
    Ach – auch wenn es dein Tagebuch ist – schön dass du Gabby trotz deiner „Bestrafung“ doch noch magst!

    Gefällt mir

    1. Tammy sagt:

      Der echte oder wahre Wind (true) ist der tatsächlich existierende Wind, also der, der das Boot trifft. Der apparent (scheinbare) Wind ist der wahre Wind plus der Fahrtwind. Dieser scheinbare Wind hat beim Segeln besondere Bedeutung, weil von ihm die Segelstellung abhängt. Swellperioden sind der zeitliche Abstand mit dem der swell, deutsch die Dünung (die Wasserwellen) unterwegs ist. Das sind Wellen, die nicht vom aktuellen Wind erzeugt werden. Das sind die Windwellen. Alles zusammen ergibt den Seegang. Wind- und Wasserwellen können aus vollkommen unterschiedlichen Richtungen kommen und unterschiedliche Höhen haben. Der Ursprungsort der Wasserwellen kann weit entfernt sein, z.B. durch Windwellen oder Ereignisse erzeugte Wellen, die dann über den Ozean auslaufen.
      (Genaugenommen ist ein Tsunami eine Wasserwellen on steroids.)
      Und was Knoten sind, weißt du ja wohl.

      Gefällt 2 Personen

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