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Fuck off, Gabby!

„Du weißt es, oder?“

Ich schaue sie an. Ich weiß, dass mein Gesicht jetzt ausdruckslos ist, weil mir schon mehrere Leute gesagt haben, wie ich in solchen Situation wirke.

Ich antworte nicht, doch natürlich reicht Gabby das als Antwort.

„Du weißt, dass ich jetzt auf der Stelle gehen würde, wenn das möglich wäre.“ Sie zeigt auf den nächtlichen Atlantik und seinen unablässigen, seit Tagen immer gleichen Seegang.

„Ich würde dich nicht daran hindern.“

„Ich weiß.“

„Warum?“, frage ich: „Warum wolltest du, dass ich es erfahre?“

Ich bin nicht sicher, ob ich ÜBERHAUPT mit Gabby reden will oder sollte, doch erstens ist es kein Vertrauensbruch, denn ich werde Joana von dem Gespräch erzählen und zweitens gibt es da noch ein paar Fragen, die offen sind.

Gabby zuckt mit den Schultern: „Joana HÄTTE dich verlassen, wenn du mir verziehen hättest, und das konnte ich nicht stehen lassen. Und es gab keinen anderen Weg, dass du mir nicht mehr verzeihst. Und du darfst mir nicht mehr verzeihen.“

Kommt in etwa hin… Und ich werde nicht.

„Du hättest es mir selbst erzählen können…“, überlege ich.

„Ich verrate nichts, was man mir im Vertrauen erzählt. Und schon gar nicht, was ich als Einzige weiß.“

„Als Einzige außer einer Armee von Psychoschraubern.“

„Das stimmt.“

„Aber lass mich das kurz wiederholen, nur damit ich das richtig zusammenbekomme und ich dir nicht Unrecht tue: Du verrätst niemandem, dass eine Erwachsene Joana mit elf Jahren eine verpasst hat, sie deshalb in eine Esszimmergruppe geflogen ist und als Folge niemals Kinder bekommen kann? DAS zu verraten geht gegen deine Ehre, richtig? Du machst das Gleiche mit deiner Sechsjährigen, auf demselben Boot auf dem deine angeblich beste Freundin Joana schläft und DAS ist – ein Ausrutscher, soweit korrekt? Und dann wiederrum geht es gegen ‚deine Ehre‘ wenn Joana nicht mehr mit MIR spricht, weil ich – ich komm nicht mehr mit…“

Ernsthaft… Die hat einen Dachschaden! Komplett abgedeckt. Nur noch die Dachbalken sichtbar!

An dieser Stelle vergräbt Gabby ihr Gesicht zwischen den Beinen und beginnt hemmungslos zu heulen.

„Vielleicht solltest du mal an deinen Prioritäten arbeiten…!“, fauche ich.

Ich kotzte. Ernsthaft! Wenn ich mir das durch den Kopf gehen lasse… Und wenn ich daran denke, wie brutal sie Eva eine gefeuert hat! Das war schon keine Ohrfeige mehr! Eigentlich gehört ihr das Kind abgenommen!

„Mama?“

S. C. H. E. I. S. S. E !

„Alles in Ordnung, Scha…“ Gabby starrt ihre Tochter mit völlig verheultem Gesicht an.

…und jetzt will sie ihr erzählen, dass alles in Ordnung ist! Lernt die das eigentlich nie?!

„Deine Mama heult. Wir diskutieren hier gerade über Erwachsenensachen, weißt du? Und deine Mama hat verloren.“ Ich grinse.

Gabby nickt.

„Blöde Erwachsenensachen“, verzieht Eva das Gesicht.

„Ich bin der Captain. Ich gewinne immer!“, grinse ich weiter.

„Und ich bin Joana, die Einzige, gegen die der Captain verliert!“ Meine Freundin, die gerade den Niedergang hochgeklettert kommt, schnappt sich das Kind von hinten: „Und du kommst jetzt mit mir!“

„Danke“, sagt Gabby.

Joana reagiert nicht. Stattdessen wendet sie sich an Elias: „Und wenn nochmal einer von euch ohne Erlaubnis das Kind mit nach oben nimmt, bekommt er Ärger, IST DAS KLAR?!“

„Aye, Mam!“

„Das kann ich bestätigen!“

„Aye, Skip!“

„Okay“, beginnt Gabby, nachdem sie sicher sein konnte, dass Eva mit Joana wieder unter Deck ist: „Ich kapier’s. Falsche Prioritäten. Offensichtlich. Dass ich das Schiffsarschloch bin, hab ich kapiert und ihr habt Recht. Natürlich seid ihr mich im nächsten Hafen los.“

Und wieder ist mein Gesicht ausdruckslos. Ich habe mich etwas gefangen.

„Dass es mir leid tut, weißt du, dass es nichts zur Sache tut, weiß ich.“

Ich denke an Joana und nicke. Gabby hat’s kapiert.

„Wir müssen jetzt nur überlegen, wie wir bis dahin eine Fassade für meine Tochter aufrecht erhalten.“

Ich zucke mit den Schultern. Ich weiß. Das ist schwierig.

„Denn eines sage ich dir, Tammy: So sehr du mit diesem Wahrheitsding recht haben magst, so sehr werde ich dich umbringen, wenn du mich vor den Augen meiner Tochter als Arschloch abstempeln wirst!“

Als ob…

„Meinst du, ich würde so etwas tun?“

„Ich habe keine Ahnung, Tammy, deswegen sage ich das vorsorglich. Ich weiß nicht mehr wer du bist. Wirklich nicht.“

„Niemand hier an Bord will dem Kind schaden. Und falls du es schaffst, dich mal an Dinge zu erinnern, die ausnahmsweise nichts mit ‚deiner Ehre‘ zu tun haben, wirst du feststellen, dass es mir immer um Eva ging.“

Und ich glaube, jetzt wirke ich etwas angewidert: „Wenn jemand offensichtlich aus Selbstmitleid Rotz und Wasser brüllt, muss ich einem Kind nicht erzählen, dass die Welt aus eitel Sonnenschein besteht. Ich habe jedoch nichts gegen Fassaden, um zu verdecken, dass sich dahinter ein Arschloch verbirgt.“

Sie zuckt mit den Schultern: „Das habe ich wohl verdient.“

„Weißt du was, Gabby? Fuck off, bevor ich dir vor die Füße kotze!“

Tammy

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