Weltprügeltag

„Was, um Himmels Willen, ist denn bloß mit Gabby passiert?“

Ich zucke mit den Schultern.

Joana schaut mich kopfschüttelnd an: „Du hast schon besser gelogen, Sweetheart!“

„Frag Gabby. Ich weiß von nichts.“

„Erstens“, Joana holt tief Luft: „Bekomme ich von ihr nur eine blödsinnige Geschichte von ‚im Bad ausgerutscht‘ zu hören und zweitens kann man sich gar nicht verdächtiger benehmen wie du und dein verflixter Dämon. Und weshalb genau, sollte ich Eva bei lauter Musik in unserer Kabine unterhalten, genau rechtzeitig für Gabbys ‚Ausrutscher‘?“

„Joana, lass es gut sein.“

„Seit wann sagst du mir Dinge nicht?“

Ich fucking weiß ja, wie fucking neugierig Joana ist. Fuck!

„Ich kann nicht. DIESE eine Sache – es geht nicht. Entweder erzählt es Gabby oder niemand. Sorry.“

„Und natürlich ist Maze wie immer verschwiegen wie ein Kadaver.“

Wie nett sie sie neuerdings mit einem „Kadaver“ vergleicht…

„Du hast Gabby die Nase gebrochen, stimmt’s?“

„Joana, bitte…“

„Das wäre dann also ein ‚Ja‘. Und es hat natürlich mit dem kleinen Tänzchen zu tun, was du und dein verflixter Dämon im Salon aufgeführt habt. Ist Mazikeen am Ende doch noch eifersüchtig geworden?“

„SO EIN UNSINN!“ Ich lasse mich hinreißen. Mist, verdammter!

„Das wäre dann also ein ‚Nein‘. Dann fasse ich mal zusammen: Du hast Gabby die Nase gebrochen und es ging nicht um irgendwelche Eifersuchtsgeschichten… Da bleibt eigentlich nur eins: Was hat Gabby angestellt, was so schlimm war, dass du ihr die Nase gebrochen hast? Mmh… Mal überlegen… „

„JOANA, HÖR SOFORT AUF DAMIT!“ Die ist ja schlimmer als die Steuerfahndung!

„Das Interessante an der Sache ist, dass KEINE von euch beiden es sagen will. Wenn mir jemand die Nase brechen würde, würde ich es nicht nur lauthals verkünden, sondern die Person – in diesem Fall also dich – auch verklagen für jeden Cent den sie besitzt. Also muss Gabby etwas gemacht haben, was so schlimm ist, von dem sie selbst nicht will, dass es jemand erfährt!“

Ich merke, dass Joana kurz davor ist, es herauszufinden. DAS KANN JA WOHL NICHT WAHR SEIN!

„STOP, JOANA, STOP!“

„Warum? Ich bin doch auf einem guten Weg, oder?“ Sie grinst.

„Bitte tu mir einen Gefallen: Lass mich Gabby dazuholen. Ich habe keine Lust, dass sie denkt, ich hätte dir irgendwas erzählt!“

„WOW!“ Joana strahlt: „Also ist alles, was ich bisher herausgefunden habe, wahr! Und Gabby hat etwas ziemlich Übles angestellt!“

Scheiße!

Ich lasse sie einfach sitzen, renne zu Gabby und will ihr die Geschichte erzählen, da unterbricht Gabby mich, noch bevor ich den zweiten Satz beenden kann: „DU HAST MIT JOANA GESPROCHEN?“

Gabby muss sich einen Moment sammeln. Ich schweige.

Dann fährt Gabby fort: „Joana ist ein menschlicher Lügendetektor! Sie ist besser als jeder Polizist! Was hast du gesagt, um Himmels Willen?“

Ich zucke mit den Schultern: „Nichts, eigentlich.“

„Aber du hast geredet?“

„Ja, schon, aber…“

„Wir sind erledigt. ICH bin erledigt!“ Gabby vergräbt ihren Kopf in den Armen: „Was genau weiß sie schon?“

Ich schlucke. Was soll’s: „Dass du etwas ziemlich Schlimmes getan haben musst.“

Gabby fängt an zu lachen. Es klingt aber eher verzweifelt: „Weißt du eigentlich, wie übel das ist, wenn jemand DAVON erfährt?“

„Weißt du eigentlich, wie übel das ist, wenn jemand das MACHT?“ Auf die Frage hin, konnte ich mir das einfach nicht verkneifen.

„Okay, ja. Stimmt schon. Aber reicht es nicht, wenn ich mich vor euch schon zu Tode schäme? Und vor allem vor Eva?“

„Klar. Sorry. Aber du hättest mich ja eigentlich auch vor Joana warnen können!“

„Wie lange seid ihr jetzt zusammen? Und du hast bis heute nicht bemerkt, dass sie ALLES aus JEDEM herausbekommt, wenn sie es nur will?“

„Nö.“

„Gott, bist du eine Ignorantin!“

„Heh!“

„Ist doch wahr!“

„SOR-RY!“, betone ich nochmal.

„Jaja. Weißt du eigentlich, was jetzt passieren wird?“

„Sie wird triumphieren?“ Ein Schuss ins Blaue.

Gabby schüttelt den Kopf: „Komm, ich zeig’s dir!“ Hat Gabby nasse Augen?

Als wir in den Salon kommen, sitzt Joana auf meinem Platz auf der LUV-Seite des Bootes, sie thront also über den anderen Sitzplätzen. Von dort aus steuere ICH für gewöhnlich das Geschehen.

Und noch schräger: Sie trägt Shorts und Shirt. Krass und ungewohnt für uns, bei etwa 40 Grad unter Deck, während Gabby und ich wie üblich nackt sind. Das kommt ebenfalls nicht vor. Wir tragen Bikinihöschen, wenn wir unsere Tage haben. Fullstop.

„Setz dich, Gabby.“ Joana klingt wie… Keine Ahnung wie sie klingt… Schlimm? Wie der Chef? Schlimmer? Immerhin muss ich mich nicht setzen. Das tue ich auch nicht. Wäre ja auch noch schöner. Unterhalb von irgendwem am Tisch sitzen. Lächerlich!

„Bram!“ Joana dreht sich zum Koch, der sich gerade in der Küche zu schaffen macht: „Könntest du bitte für einen Moment an Deck? Danke.“

Joana wartet.

„Dass Tammy vor mir Geheimnisse hat, kommt nicht vor. Nie!“, beginnt Joana als Bram verschwunden ist: „Das war übrigens der Hauptfehler. Aber das nur so nebenbei. Und eigentlich erkläre ich das alles nur dir, Sweetheart.“

Es klingt jedoch nicht so, als würde sie mit mir reden: „Wenn Tammy jemandem die Nase einschlägt – und zwar ohne dass sie angegriffen wird – dann muss schon etwas sehr Schlimmes passiert sein. Und wenn ich dann noch Tammys Auseinandersetzung mit Maze in Kontext bringe…“

„Komm auf den Punkt, Joana. Du weißt es doch. Verurteile mich doch einfach.“ Gabby laufen die Tränen übers Gesicht.

„Einen kleinen Moment, bitte. Ich verarbeite noch den Fakt, dass eine ehemals gute Freundin von mir ein unglaublich mieses Stück Dreck ist und ich sie auch noch meiner nichtsahnenden Partnerin ins Bett gelegt habe!“

„Joana, ich…“, versuche ich einzuwerfen.

Sie ignoriert mich.

„Hast du, oder hast du nicht deine Tochter verprügelt, Gabby?“

„Das war eine VERDAMMTE Ohrfeige!“, fauche ich dazwischen: „Eine heftige zwar, aber keine Tracht Prügel!“

„HABE ICH DIR NICHT GESAGT, DU SOLLST DEN MUND HALTEN?“, faucht jetzt Gabby.

„Ach, ist doch jetzt auch egal! Joana weiß es doch sowieso. Und scheint dich ja bis in alle Ewigkeit verdammt zu haben!“

„Worauf du wetten kannst!“ Joana schaut mich an: „Und so wie Gabbys Gesicht aussieht, du wohl auch!“

Ich schüttele den Kopf: „Gabby und ich sind cool.“

„Wie bitte?“ Joana starrt mich an, als hätte ich gerade einer Katze die Krallen ausgerissen.

„Falsche Antwort, Tammy, gaaaaanz falsche Antwort!“, flüstert Gabby.

Ich sollte mir den 21.04. als Weltprügeltag im Kalender markieren. Das Ohrfeigchen von Joana ist zwar süß, doch ich wette, es hat weitreichende Folgen.

Tammy

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Walter sagt:

    Das Ohrfeigchen hast du dir verdient, auch wenn du recht: erst mal weiterlesen, sorry

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    1. TipTapping sagt:

      Sehe ich anders!
      Und merken: immer erst weiter lesen.

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