Austeilen

„Hol Eva zu dir.“

„Eva?“

„Joana, lass mich es bitte nicht buchstabieren. Eva. Den kleinen Mensch.“

„Eva?“

Es ist später Nachmittag. Die Frau kann doch noch nicht betrunken sein?

„Schätzchen, Süße, my love, bitte! Tu mir den Gefallen: lass dir was einfallen und schlepp Eva, den kleinen Mensch, den nächtlichen Kakaosäufer, die kleine Mistkröte, in unser Apartment und dann mach Musik an.“

„Mus…“

„Und wenn du jetzt noch eine dumme Frage stellst, lasse ich dich doch noch von meinem Dämon aufknüpfen!“

„Okay. Aber unter Protest!“

„Notiert.“

Tammy

Teufel, war das kompliziert! Jetzt muss ich nur noch an Mazikeen vorb…

„Aber übertreib’s nicht!“

Wo kommt DIE denn schon wieder her? Wie ich Dämonen nicht leiden kann!

„Verpiss dich!“

Whatever…

Ich warte noch zehn Minuten an Deck, bis ich sicher bin, dass Eva in unserer Kabine ist.

Um die Quartiere zu erreichen, muss ich durch den zerstörten Salon. Ich bleibe stehen, hole tief Luft und trete noch einmal mit aller Kraft gegen den massiven Raumtrenner hinter der Sitzgruppe, die quasi als einziges Möbelteil unsere kleine Auseinandersetzung heil überstanden hat.

Ich bin barfuß.

Entsprechend einseitig ist der Kontakt zwischen der Holzwand und meinem Fuß.

Ich schreie leise auf und Tränen schießen mir ins Gesicht.

„Ich sagte, du sollst es nicht übertreiben!“ Mazikeen! Dieser Scheiß-Dämon ist überall gleichzeitig!

„Und ich sagte, du sollst dich verpissen!“

Ich reibe mir den Fuß.

Schließlich füge ich hinzu: „Ich brauche keinen Babysitter!“

Mazikeen zuckt mit den Schultern und zeigt auf die Trümmer: „Wie man sieht, schon.“

„Okay.“

Was soll ich schon tun, mit einem Dämon im Nacken.

Also klopfe ich mit dem Wissen, dass ich von einem Höllenwesen beobachtet werde, an Gabbys Tür.

„Tammy? Hey! Was ist lo…“

Und verpasse ihr eine, bevor sie den Satz beenden kann.

Als sie dabei ist sich aufzurappeln, schließe ich die Tür hinter uns und verpasse ihr gleich noch eine. Wieder landet sie auf dem Boden vor dem Bett.

„Wow!“, stammelt sie: „Wow!“ Und: „Womit habe ich die denn verdient?“

Moment, was läuft hier schief?

Ich weiß, dass meine Ohrfeigen Dampfhammerstärke erreichen und alles was sie zu sagen hat, ist „Wow“? Steht die etwa drauf? Wie ich?

„Magst du Ohrfeigen?“, frage ich.

„Irgendwie schon“, grinst sie.

„Austeilen auch?“, frage ich und kann mich kaum noch halten.

Gabby grinst: „Manchmal schon.“

Soso. Gaaaanz falsche Antwort. Gaaaaaz falsch, denke ich.

„Wieso bist du eigentlich hier und womit habe ich die Ohrfeigen verdi…“

Den Handballenschlag hat sie nicht kommen sehen. Ich meine das buchstäblich: Sie hatte keine Chance ihn kommen zu sehen.

Ich habe absichtlich vermieden ihr das Jochbein zu brechen, das hätte unser Reisevorhaben unnötig kompliziert; lediglich ihr Nasenbein ist sauber durch. Es ist nicht das erste Mal, dass ich diesen Schlag eingesetzt habe, immer erfolgreich, aber wenn jemand stillsteht und ihn nicht erwartet, ist er echt ein Kinderspiel. Dann kann ich sogar Trümmerbrüche vermeiden.

Die Heilung dauert natürlich ein bißchen und ist verdammt schmerzhaft. Nicht nur das Riesenhämatom um die Nase sondern auch die Monsterprellung des linken Auges brauchen ihre Zeit. Das Geraderichten des Nasenbeins in die gewünschte Position ist natürlich brutal, doch das Anwachsen geht erstaunlich schnell. Man muss natürlich für eine Weile mit dem Naseputzen vorsichtig sein. Der Nasenverband ist dabei sowieso ein wenig im Weg.

Vom Schmerz beim Auftreffen des Handballens gar nicht zu reden. Der ist für den Moment so brutal, dass einem erst einmal die Luft wegbleibt.

Die Sauerei mit dem Blut hält sich allerdings in Grenzen, wenn man gleich ein paar Handtücher zur Verfügung hat. In den VIP-Kabinen eines Bootes ist das recht einfach, da sie private Duschen besitzen, aber der Rest des Raumes so klein ist, dass alles fast auf Armeslänge greifbar ist.

Ein weiterer Vorteil dieses bestimmten Schlages ist, dass der Getroffene einen Moment braucht, um dumme Fragen stellen zu können.

Ich nehme zwei Handtücher und reiche sie ihr: „Ich schicke dir Ken“, sage ich: „Der hat schon mehr als ein gebrochenes Nasenbein gerichtet. Wenn es dir hinterher nicht gefällt – du kennst ja die guten Chirurgen. Aber ich hörte, schiefe Nasen seien in.“

Gabby starrt mich an und muffelt in das Handtuch: „Tammy, aber wa…“

„Wenn ich noch einmal sehe, wie du deine Tochter schlägst, dann breche ich dir noch ganz andere Sachen als das Nasenbein!“

Ich muss mich für einen Moment sammeln, damit ich Gabby nicht packe, hochhebe, auf die Füße stelle und ihrer rechten Gesichtshälfte die gleiche Farbe verpasse.

Ich denke an die kleine Kakaofresse, wie sie mir mitten in der Nacht gegenübersitzt, blöde Fragen stellt, nichts davon tut, was ich ihr sage – und ich mich freue, dass sie vor mir sitzt und mir auf den Keks geht.

Ich gebe zu, ich kann mit dem ganzen Konzept des Kinderkriegens nichts anfangen, ich finde den Gedanken, dass Dinge in Frauen wachsen – vorsichtig ausgedrückt – abstoßend. Schwangere Frauen… Ich hasse Plärrerei von Babys und habe noch nie in meinem Leben eines gesehen, dass ich nicht als abgrundtief hässlich empfinde. Kinder in der Pubertät sind das Allerletzte, und wäre es nicht für all die anderen Gründe, dann würde dieser eine schon reichen, niemals Verantwortung für eines haben zu wollen.

Kinder, die sich halbwegs benehmen können und gerade die Welt für sich entdecken, sind allerdings schon irgendwie cool (sofern sie mir nicht gerade tierisch auf den Keks gehen), und offensichtlich werde ich zur hirnlosen Berserkerin, wenn jemand die Hand gegen kleine, nervige Menschen hebt, die sich nicht wehren können. Egal gegen welche. Jeder Schlag ist wie eine kleine Vergewaltigung – und mit Vergewaltigung habe ich ein Problem, wie jeder weiß.

Ich hole tief Luft: „Und wenn du mir versprichst – und es auch einhältst – dich in Zukunft auch noch selbst um Eva zu kümmern, statt sie ständig zu einer Nanny abzuschieben, dann können wir zwei die besten Freunde werden.“

Gabby starrt mich an, Tränen laufen über ihr Gesicht, das zweite Handtuch färbt sich rot, ich reiche ihr ein drittes.

„Es ist mir übrigens egal, wem du erzählst, woher du deine Nasenverschiebung hast. Die Frage ist, ob es dir egal ist, warum.“

Und nach einem weiteren kleinen Moment füge ich hinzu: „Für mich ist diese Angelegenheit jetzt erledigt, so als hätte sie nie existiert. Ob sie das für dich ist, liegt an dir.“

Und dann bleibe ich doch noch einmal in der Tür stehen und drehe mich zu ihr um: „NIE, NIE, NIE WIEDER, KAPIERT?“

Ich sehe sie nicken.

Ich ziehe die Tür hinter mir zu, lehne mich daneben an die Wand und atme aus. Und heule.

„Siehst du“, lächelt Mazikeen: „DAS nenne ich zivilisiert. Nicht sie eine Meile hinter dem Boot herzuschleifen.“

„Fuck off, Maze!“

Tammy

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