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Kinder wollen Wahrheit

Ja, ich kann es nicht ausstehen.

Ich kann es nicht ausstehen, dass Kinder mich lieben. Das ist unnatürlich! Ich kann sie nicht leiden und sie lieben mich! Ich meine – was soll das?

Ich weiß ja, Kinder sind doof, aber so doof? Merken die das nicht? Ich versuche ja wirklich alles. Außer ihnen zu sagen, wie blöd sie sind oder dass ich sie nicht ausstehen kann. Das geht natürlich nicht. Ich habe nicht vor ihnen irgendwelche Komplexe fürs Leben unterzujubeln.

Aber ich gehe hin und sage ihnen die Wahrheit. Über den Rest. Das sollte doch eigentlich reichen, oder?

Okay, okay, Kinder wollen die Wahrheit hören, werden jetzt alle kreischen. Aber warum sagt sie ihnen dann niemand? Warum muss erst ich kommen und den Mund aufmachen? Warum können das die verdammten Eltern nicht? Dann würden sie vielleicht die lieben statt mich?

Okay, Eva liebt natürlich auch ihre Mutter, doch für den Kakao kommt sie zu mir. Sie WECKT mich für diesen Scheiß-Pappkram! Auch wenn ich ihr schon hundertmal gesagt habe, sie soll verschwinden! Das Biest ist hartnäckig. Grässlich!

Gabby gefällt das natürlich. Dass sie nachts keinen Kakao machen muss. Was ihr weniger gefällt ist, dass Kakaofresse jetzt wegen jedem Scheiß zu mir gedackelt kommt!

„Ob das vielleicht daran liegt, dass das Kind mehr bei einer Nanny aufwächst als bei dir?“

Gabby starrt mich an.

„Was? Keine Antwort?“, hake ich nach.

„Ich habe einen fucking Job!“ Gabby ist leicht angesäuert. In Wirklichkeit ist sie nicht angesäuert, sie hat ein schlechtes Gewissen.

Und genau das sage ich ihr auch.

Offenbar hört sie das nicht gerne: „Weißt du was, Tammy? Sowas lasse ich mir von dir nicht sagen!“ Sie steht auf: „Lass mich durch Joana!“ Die beiden sitzen nebeneinander, ich gegenüber auf der anderen Bank.

„Von wem denn sonst?“

„Was?“

„Von wem lässt du es dir denn sonst sagen?“

In dem Moment kommt ein Krachen und Knattern von oben und das Boot gerät in leichte Schräglage. Das Großsegel wird hochgezogen.

Und los geht’s!

„Heiss Fock!“, tönt Mazikeens laute und kratzig-dunkle Stimme den Niedergang herunter. Kurz darauf folgen die Bestätigungen der Seeleute, die dabei sind die Segel zu setzen.

Als der Wind ins Großsegel beißt, kippt die Ketsch um 35 Grad.

„FUCK!“, schreit Gabby, die es wieder auf die Bank und gegen die Rückenlehne haut.

„Wir sind unterwegs?“, fragt Joana.

„Gerade eben“, nicke ich. „Willkommen zu sechs Wochen Südatlantik.“

„Herzlichen Glückwunsch!“, stöhnt Gabby und hält sich eine Hand vor das Gesicht: „Und wenn ich von Bord will?“

„Hier geht niemand mehr von Bord“, schüttele ich den Kopf: „Wir sind auf See. Nächster Stopp Ascension Island.“

Nächster Stopp Ascension Island, Südatlantik

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