Zum Inhalt springen

Catfight

„Raus!“ Gabby sagte es ganz ruhig. Und auch nicht besonders laut. Sie sagte es nicht zu mir, sondern zu Eva: „Geh in unser Quartier!“

Oha!

Ebenso ruhig wartete sie, bis ihr Nachwuchs verwirrt aber wortlos den Salon verlassen hatte. Wir schauten ihr beide hinterher.

Gabby schien irgendwie ruhig und gelassen. Ich irgendwie – verängstigt. Na ja, jedenfalls ein wenig angeängstigt, falls ich das Wort mal schnell erfinden darf. Als ich näher hinschaute, konnte ich sehen, wie sich ein kleines Rauchwölkchen aus Gabbys wunderschönen blonden Mähne kräuselte.

Gelassen wartete sie, bis die Tür zu ihrem Quartier ins Schloss fiel. Im selben Moment brach die Hölle los!

Das erste Opfer war die große Kakaotasse. Die nächsten alle Wände und Möbel des Salons, die dem braunen Kakaoregen ausgesetzt waren. Was – wie wir später feststellen konnten – so ziemlich alle waren. Gabby hatte sie nicht geworfen, sondern einfach vom Tisch gefegt und doch zerstörte sie den großen Bordfernseher neben mir.

Gabby kam wie eine Furie über die gegenüberliegende Bank und den Tisch und hatte mich am Hals, bevor ich an Flucht überhaupt nur denken konnte! Sie donnerte meinen Kopf mit solcher Gewalt gegen die Wand, dass ich augenblicklich Sternchen sah.

„BIST DU WAHNSINNIG?!!!“, schrie sie, zog meinen Kopf nach vorne und – BÄMM! – knallte ihn erneut gegen die Wand. Noch mehr Sternchen.

„TITTEN?!“ „FICKEN?!“

BÄMM!

„Äh…!“

„TITTEN, JA?!“ BÄMM!

Die Sternchen wurden langsam dunkler

„FICKEN, JA?!“ BÄMM!

Die Sternchen und die Umgebung wurden dunkler.

„Iglich öhrgll…“

„SONST NOCH WAS?!“ BÄMM!

„Gllwöngu…“

Wenn ich mich gewehrt hätte, läge Gabby jetzt bewusstlos am anderen Ende vom Raum. So aber wurde ich mit jedem Schlag gegen die Wand geiler. Gabby tobte wie in einem ihrer Actionfilme!

„Arschfick vielleicht?!“

BÄMM!

„Hast du ihr vielleicht noch erklärt was ein ARSCHFICK ist?“

BÄMM!

Ich sah gerade noch Joana hinter Gabby auftauchen und – dann sah ich nichts mehr.

Wach wurde ich vom fürchterlichen Geschrei von zwei Katzen. Ich lag halb auf der Bank, halb auf dem Tisch und halb in irgendwelchen Scherben. Ich bestand aus drei Hälften – irgendwie. Zumindest mein Kopf.

Ich versuchte mich aufzurichten, rutschte von der Bank und knallte mit dem Kinn auf die Tischkante. Danke sehr!

Irgendwie schaffte ich es dann doch noch in eine sitzende Position und als der Nebel sich lichtete, begann ich mich umzuschauen.

Der Salon glich einem Trümmerfeld. Es gab nahezu nichts, was nicht zerstört war. Ich konnte nicht alles sehen, die gegenüberliegende Lehne versperrte meinen Blick, auf das was dahinter passierte. Denn irgendwas passierte dort. Mit Katzen.

Ich richtete mich stöhnend auf und hielt mir dabei den Kopf und dann sah ich sie: Gabby und Joana wüteten im übelsten Catfight den ich je gesehen hatte! Haarereißen, Tittenpetzen, Knie in Unterleibe rammen, Handflächen in Gesichter schlagen!

Oh fuck!

Blut!

Aufgeplatzte Lippen, zerkratzte Körper!

Ich versuchte aus dem engen Raum zwischen Bank und Tisch herauszukommen um dazwischenzugehen, bevor eine die andere umbringt. Und dann sah ich Maze.

Sie stand am Niedergang. UND GRINSTE!

„MAZE, VERDAMMTE SCHEISSE! GEH DAZWISCHEN!“ Das war alles nicht mehr witzig!

Hinter ihr kam Bram die Treppe heruntergestürmt, doch sie hielt ihn mit ausgestrecktem Arm auf, so dass er es nicht bis in den Salon schaffte. Oder in das, was noch von ihm übrig war.

„MAZE, VERDAMMT!“, schrie ich noch einmal. Doch sie grinste einfach und genoss das ganze Theater als wäre sie im Kino. Im Nachhinein kann ich es schon ein wenig verstehen: Wann bekam man so etwas schon einmal geboten?

Was war denn nur in die beiden gefahren? Aber ich muss zugeben: Auch ich stoppte und starrte für einen Moment interessiert.

Doch dann…

„Mama?“

Der Krach und das Geschrei hatten Eva geweckt! Sie war gerade aus den Schlafquartieren gekommen – den unvermeidlichen Teddy an der Hand – und starrte auf die Szene, die sich ihr bot.

S.C.H.E.I.S.S.E.!

Ich glaube, ich habe noch nie so schnell auf irgendetwas reagiert, es sei denn beim Sport oder Motorradfahren, doch das hier war etwas ganz anderes!

Ein Kind durfte so etwas nicht sehen, schon gar nicht, wenn seine Mutter involviert war!

Ich mag ja nun recht locker mit Sprache umgehend und mit Nacktheit und wegen mir auch mit Sex, doch das hier war etwas vollkommen anderes. Das war Gewalt!

Auch wenn es „nur“ ein Catfight zwischen zwei durchgeknallten, hysterischen Weibern war, die gerade mal nicht wussten was sie taten und sich ganz offensichtlich nur wehtun wollten (denn ich wusste, dass Gabby Kickboxing machte und in der Lage war Joana mit einem einzigen Schlag oder Tritt auszuschalten). Der Fakt blieb bestehen: Eine Sechsjährige starrte hier auf etwas, was sie keinesfalls sehen sollte!

Ich war schneller bei Eva als Maze und das wollte etwas heißen!

Der Fakt, dass ich Kinder und ihr quengeliges, nerviges Verhalten einfach nicht ertragen konnte und sie einfach nicht in meinem Umfeld haben wollte, hat nicht das Geringste damit zu tun, dass ich nicht den gleichen Instinkt hatte wie jeder andere: ich wollte sie beschützen. Eine ganz normale menschliche Reaktion. Und was ständig jemand versucht mir anzudichten – dass ich Kinder nämlich doch leiden konnte – entsprang lediglich dem Wunschdenken der Leute und geht mir – ganz ehrlich – ziemlich auf die Nerven! Dass ich nett zu ihnen bin und mich um sie kümmere, hat nicht das Geringste damit zu tun, dass ich vielleicht auch gerne welche hätte! Wenn solche Biester um mich herum sind, versuche ich lediglich das Beste aus der Situation zu machen, denn die kleinen Monster können ja nichts dafür, dass ich diesbezüglich aus dem Rahmen falle.

Dies nur noch einmal zur Erklärung, damit vielleicht endlich diese bescheuerten Kommentare der notorischen Besserwisser aufhören!

Ich war nicht nur schneller bei Eva als Maze, sondern hatte das Kind auch schneller gepackt, als ich jemals jemanden in den Arm gerissen hatte. Ich presste sie an mich und drehte uns von der Szene weg und als sie versuchte doch noch hinzuschauen drückte ich ihren Kopf gegen meine Achsel: „Schau nicht hin!“, flüsterte ich und spürte Tränen in mir aufsteigen. Ich verstehe nicht genau, warum, doch vermutlich, weil mir das kleine Ding in diesem Moment unendlich leid tat. Ich mochte sie sehr – wenn sie mir gerade mal nicht auf den Wecker ging – und ich hatte das Gefühl, dass das, was sie hier erleben musste, Spuren hinterlassen würde.

Ich trug sie ganz bewusst nicht zurück. Die Kleine konnte ja nichts mehr sehen, weil ich ihre Augen verdeckte, und die beiden Streithähne mussten mitbekommen, was sie angerichtet hatten, denn ich wusste nicht, ob sie sonst aufhören würden. Eva hatte ohnehin schon alles mitbekommen. Vielleicht war ja noch etwas zu retten?

Dass sie hinschauen würden, dafür sorgte Maze, denn sie trat einfach zwischen die beiden, die immer noch auf dem Boden herumrollten. Maze hatte keine Rücksicht genommen, wen sie treffen würde.

Sie traf Joana. Offensichtlich – denn Joana schrie auf und rollte sich zusammen. Augenblicklich hielt Gabby inne.

„WAS SOLL DAS?!“, schrie Gabby und starrte Maze an, während sie immer noch ein großes Büschel Haare von Joana gepackt hatte: „SOLL ICH DICH…?!“

„Versuch’s besser nicht“, grinste Maze auf eine Art, die selbst mir das Blut in den Adern gefrieren ließ: „Schau lieber mal zur Tür!“

Ich habe noch nie jemanden gesehen, dem innerhalb einer Nanosekunde sämtliche Farbe aus dem Gesicht verloren ging.

„Eva! Oh, mein Gott!“

5 Comments »

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: