Begrenzte Fluchtmöglichkeiten

Heute liege ich auf dem Vorderdeck in Joanas Armen.

Nicht umgekehrt. Sie weiß warum.

„Es ist schlimmer geworden“, stellt sie fest. Ich nicke.

Hinter uns verstaut Bram das Großsegel.

„Du kommst zurecht?“, fragt sie besorgt.

„Komme ich nicht immer zurecht? Ausserdem bist du doch da.“

„Nicht immer.“

„Vorerst immer“, widerspreche ich.

Natürlich ist sie nicht glücklich darüber. Alle Dreharbeiten sind bis auf weiteres gestoppt.

Das Boot liegt ganz ruhig im Wasser. Der Seegang ist minimal und die Frequenz ist lang und gemütlich. Allerdings ist der Wind deutlich stärker geworden. Trotzdem herrschen 27° im Schatten und in der Sonne etwa 200°.

Eva will unbedingt schwimmen gehen, doch Gabby hat Angst, weil sich unter uns ein paar Kilometer Wasser stapeln. Mütter sind für Vernunft nicht zugänglich, ich weiß das. Unser schwimmendes Becken jedenfalls wird heute nicht ausgepackt, denn nach dem Abendessen geht es direkt weiter!

„Schule beendet für heute?“, rufe ich nach hinten, wo die beiden gerade dabei sind den Tisch für’s Kaffeetrinken zu decken. Eva macht das unheimlich gerne. Irgendwie liebt sie alles was mit Hausarbeit zu tun hat, habe ich mir erklären lassen. Eine Schande für den Feminismus!

„Ich kann jetzt auch Schreibtisch!“, verkündet Eva stolz.

„Sie meint ‚Schreibschrift‚. Wir haben mit Schreibschrift angefangen, du Angeberin!“

Ich schaue Joana an. Ihr Gesicht ist ausdruckslos. Bis heute bin ich mir nicht wirklich sicher, ob sie es nicht doch bereut, kein Kind zu haben.

Ich jedenfalls bin mir, was mich betrifft, ganz sicher. Vor allem, auch wieder als Eva ihrer Mutter die metallene Milchkanne aus der Hand reißt, weil das kleine Biest sie selbst auf den Tisch stellen will. Natürlich fällt sie runter.

Und natürlich genau auf ihre Sandalenzehen.

Joana schaut mich an, verdreht die Augen und seufzt.

Erfahrungsgemäß wird die Sirene jetzt ungefähr zehn Minuten eingeschaltet bleiben.

Und die Fluchtmöglichkeiten auf so einem Segelboot sind begrenzt.


……………………………………………


Dieses Tagebuch beginnt in meinem neuen Roman:

J. – Forever

von Andrea Downey-Lauenburg

Als Taschenbuch und Ebook bei Amazon


Tammys Tagebuch auf WordPress

Tammy auf Twitter

Andrea Downey-Lauenburg auf Facebook

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Walter sagt:

    Ich glaube, eure kleine Enklave ist das beste was dir, deinen Schauspielerinnen und Eva und eurem Personal passieren konnte. Echt!!
    And by the way captain: du magst keine Kinder aber Eva kakaofresse😉

    Gefällt 2 Personen

    1. Tammy sagt:

      Ja, wenn sie schweigend in der Ecke sitzt und mir nicht auf die Nerven geht!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s