Zum Inhalt springen

Eine Altersfrage

Den Rest der Nacht habe ich mit Joana verbracht. Oder sagen wir: den relevanten Teil der Nacht.

Viel geschlafen habe ich allerdings nicht, weil wir heute mal wieder etwas getan haben, was schon lange fällig war: wir haben geredet. Musste auch mal sein. Dummerweise war das Thema nicht so toll!

Gabby und Eva haben in ihrem eigenen Quartier geschlafen, nachdem wir dem kleinen Monster so viel Kakao eingeflößt hatten, dass sie schließlich aussah, als würde sie in zwei, drei Wochen einen Gartenzwerg zur Welt bringen. Wie sie allerdings mit so viel Zucker im System schlafen kann, wird mir für immer ein Rätsel bleiben.

Was Joana auf den Tisch gebracht hat, hatte ich, ehrlich gesagt, nicht erwartet. Jedenfalls nicht zum jetzigen Zeitpunkt und in dieser Deutlichkeit: ihr Alter. Und meines. Und überhaupt jede Menge anderes Unangenehmes.

„In fünfzehn Jahren, Baby, bist du so alt wie ich jetzt bin, ist dir das klar?“

Danke auch…

„Und weißt du auch, wie alt ich dann bin?“

„Im Kopfrechnen war ich noch nie gut.“

„Ich bin dann 66.“

„Cool.“

„Lass die dummen Witze!“

„Nenn mich Chandler.“

„Du sollst die dummen Witze lassen!“

„Okay, Joana, dann sage ich mal was Ernstes: In 15 Jahren sehe ich aus wie 51 und du siehst aus wie jetzt. Höchstens. Passt doch.“

„Ich will mich VERNÜNFTIG mit dir unterhalten!“

„Okay, ich bin still. Unter Protest.“

„Du wirst keine Lust haben, mit einer 66jährigen ins Bett zu gehen.“

„Wer genau ist dann 66?“

„Verdammt! Ich meine das ernst!“

„Können wir das bitte diskutieren, wenn du Fünfundsechzigeinhalb bist?“

„Fuck! Du bist unmöglich, wenn du über etwas nicht reden willst!“

„Ich will nicht nicht reden, ich will dich ficken!“

„Oh fuck, Tammy, hör auf mit dem Scheiß!“

„Willst du etwa nicht?“

„Ich wollte noch nie! Ich mache das wegen dir, erinnerst du dich? Wir haben Sex wegen dir!“

Stimmt. Unangenehmes Thema.

„Ich bin hetero, verdammt nochmal!“

„Heiratest du deswegen immer mal wieder einen Typen?“

„Zum Beispiel.“

„Und du willst wieder einen Schwanzträger heiraten?“

„Ich habe noch keinen im Sinn.“

„Du sagst noch keinen…“

„Genau. Manchmal kannst du ja richtig zuhören, Tammy.“

„Versuchst du gerade mich an Gabby abzuschieben?“ Der Gedanke gefiel mir nicht. Ganz und gar nicht!

„So ein Quatsch! Du bist die Liebe meines Lebens und das weißt du ganz genau!“

Irgendwie machte mich das Gespräch sauer. Was wollte Joana eigentlich von mir?

„Aber heiraten willst du so ein stacheliges Monster…“

„Ich weiß es nicht. Ich möchte jemanden, mit dem ich zusammen alt werden kann. Und der, wenn ich Siebzig bin, entweder Lust auf mich hat, oder die Interessen mit mir teilt.“

„Die Interessen könnten Sex sein, das meinst du doch, oder? Heterosex.“

„Hör schon auf, Tammy!“

Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte keine Lust mehr auf dieses Gespräch: „Ich lasse dich nicht weg!“

„Das brauchst du nicht, Baby. Du bist meine beste Freundin und das wirst du immer bleiben. So wie du es immer warst.“

„Ich soll nur die Finger von deinen Titten lassen…“

„Nein, auch das nicht. Wenn du mich nicht anfassen würdest, würde ein großer Teil meines Lebens fehlen. Auch wenn Lesbensex nicht wirklich mein Ding ist, will ich auf den Sex mit dir nicht mehr verzichten. Keinesfalls!“

„Jetzt wird’s kompliziert. Kannst du bitte auf den Punkt kommen?“

„Wegen mir…“ Joana legte ihre Beine über meine, ihre Füße ganz dicht an meine Hände. Ich wusste, dass sie wollte, dass ich sie kitzele. Nur ein bisschen. „Ich möchte, dass du verstehst, was dahintersteckt, wenn ich wieder mit einem Mann zusammenkomme.“

Ich schwieg jetzt einfach mal. Ich sollte mich zusammennehmen. Ihr irgendwelche Zehen zu brechen, kam jetzt vermutlich nicht so gut.

„Aber du sollst auch wissen, dass ich niemals weniger Zeit mit dir verbringen werde als bisher auch.“

„Wenn du nicht gerade einen Schwa…“

„Hör auf, Tammy!“

Pah!

„Wir werden Sex haben, so lange du Lust auf mich hast. Und wenn ich dir zu alt geworden bin, werde ich dir immer noch auf die Nerven gehen. Und wenn du dann weniger Zeit für mich hast, dann werde ich dir das nie verzeihen, Tammy! Das meine ich alles ernst.“

„Das werde ich niemals und das weißt du auch. Ich werde immer Zeit für dich haben, weil du mir jede Sekunde fehlst, in der du nicht da bist.“

„Sagen wir so: ich hoffe es ganz stark.“

Das war irgendwie – beleidigend. Gab es keinen guten dummen Witz, den ich jetzt machen konnte? So als Retourkutsche?

„Du bist eine Lesbe, Tammy. Du kannst nicht einfach mit jemandem wie mir alt werden. Jedenfalls nicht als Geliebte. Du brauchst jemanden, der so denkt und empfindet wie du!“

Jetzt hätte ich am liebsten fuck you geschrien. Ich liebte diese Frau! Ich liebte sie nahezu mein ganzes Leben lang. Alles war so gut und so toll und überhaupt gewesen. Und jetzt…

„Tammy! Ich verlasse dich nicht! Hast du das nicht verstanden? Du brauchst nicht zu heulen! Alles bleibt beim Alten!“

Heule ich? FUCK!

„Ich habe zwischendurch immer Sex mit Männern gehabt. Das weißt du!“

„Das war etwas anderes!“

„Warum? Weil ich sie nicht geheiratet habe?“

„Joana, ich…“ Ich warf die Decke zur Seite und kletterte vom Bett.

„Bitte geh nicht, Tammy. Bleib hier!“

„Ich bin gleich wieder da“, log ich: „Ich werde nur mal schnell eine Kakaofresse ertränken und dann bin ich gleich wieder bei dir!“

Und dann knallte ich die Tür hinter mir zu.

Was, zum Teufel, war gerade passiert?

Photo by Anthony Tran on Unsplash

……………………………………………


Dieses Tagebuch beginnt in meinem neuen Roman:

J. – Forever

von Andrea Downey-Lauenburg

Als Taschenbuch und Ebook bei Amazon


Tammys Tagebuch auf WordPress

Tammy auf Twitter

Andrea Downey-Lauenburg auf Facebook

1 Kommentar »

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: