Von Rotze und Kotze

Ich bin dann am Ruder eingeschlafen.

Passiert mir auch nicht gerade oft. Aber wir oft musste ich auch schon eine panische Sechsjährige beruhigen? Eine fremde Sechsjährige? Stundenlang?

Ja, war noch nicht so oft vorgekommen.

Mazikeen hatte mich neben dem Ruder geweckt und auf Joana und Gabby gezeigt.

„Hä? Was?“ Ich war noch nicht so richtig wach.

„Kümmere dich um Gabby. Oder soll ich dir vorher einen Eimer Wasser ins Gesicht schütten?“

„Wie wäre es mit einem Kaffee stattdessen?“, schlug ich vor.

„Ein Eimer Wasser“, beharrte Mazikeen.

„Was soll ich da hinten?“, fragte ich: „Da stinkt’s.“

„Quatsch! Jetzt geh schon! Feigling!“

Natürlich wusste ich, dass da nichts stinken konnte. Nicht bei dem Tempo auf dem Meer und der Galle, die Gabby ganz brav über die Reeling gekotzt hatte und nicht an Deck.

„Ich brauche Kaffee!“

„Geh nach hinten, verdammt!“ Mazikeen wirkte etwas genervt.

„Warum? Keine Lust mehr?“ Ich grinste. Ich wusste, dass es gegen Mazikeens Dämonenehre ging. Dämonen nahmen ihre Chefs jede unangenehme Arbeit ab. So war das nun mal.

„Ich schätze, wenn du die Tussi irgendwann mal ficken willst, sollte sie auch das Gefühl bekommen, dass du dich wenigstens ein klein wenig um sie sorgst. Persönlich.“

„I fucking don’t care!“, beschwerte ich mich: „Ich habe mich die halbe Nacht um ihre Rotze spuckende Brut gekümmert! Das reicht ja wohl!“

Mazikeen schüttelte wortlos den Kopf und zeigte mit dem Daumen nach achtern, wo Joana ihrer Kollegin Gabby zärtlich übers Gesicht strich. Zum Dank begann die wieder zu kotzen.

„Keine Bange“, lächelte Mazikeen: „Da kommt vorläufig nichts mehr raus.“

Ich atmete schwer: „Muss ich wirklich?“ Aber die Antwort war ja klar und ich rappelte mich auf. Mazikeen übernahm das Ruder.

„Na, geht’s besser?“, rief ich Gabby zu und arbeitete mich vorsichtig in ihre Richtung.

Joana warf mir einen Blick zu, der irgendwas in der Richtung von „Kommst du auch schon?“ bedeutete.

Gabby schüttelte den Kopf. Offensichtlich ging noch nichts besser.

„Keine Bange“, lächelte ich: „Das dauert nie lange. Zwei, drei Tage. Vier, wenn’s hoch kommt. Dann geht es dir wieder besser.“

Joana hielt sich die Hand vor die Augen und schüttelte den Kopf: „Meistens geht es schneller“, flüsterte sie Gabby zu.

„Keine Chance“, beharrte ich: „So wie du hier rumkotzt, dauert es eher länger.“

Gabby kommentierte es mit einem grünen Strahl Galle, wo auch immer sie den gehamstert hatte.

„Noch ein Wort und ich werfe dich über Bord!“ Lustig, wenn so etwas von Joana kam.

„Eva“, krächzte Gabby: „Habt ihr euch um Eva gekümmert? Wie geht es ihr? Ihr ist es doch nicht auch schlecht, oder? Schläft sie? Hat sie etwas gegesse…“ Und wieder eine Schwall Galle. Falscher Gedanke vermutlich. „Ich… Sie… Geht es ihr gut?“

„Das Biest pennt“, nickte ich: „Nachdem sie mir den Arm vollgerotzt hat.“

„Dir?“, fragte Joana entsetzt: „Wieso dir? Ich hoffe, dich hat niemand in die Nähe der Kleinen gelassen?“

Gabby starrte erst Joana an, dann mich: „Ihr geht es doch gut, oder? Hat sie geweint?“

„Sag mir, dass du nicht mir ihr alleine warst!“ Joanas Gesicht zeigte Entsetzen. Darüber schien Gabby etwas beunruhigt zu sein.

„Sie schläft“, sagte ich, um die Situation etwas zu beruhigen: „Und sie hat noch nicht mal gekotzt. Wie ihre Mutter…“ Ich verzog den Mund.

„GABBY IST SEEKRANK!“, fauchte Joana mich an.

„Potato Potata“, zuckte ich die Schultern: „Kotzen ist kotzen.“

Und als Gabby wieder etwas sagen wollte – oder wieder kotzen – wer weiß das schon so genau – fügte ich hinzu: „Sie schläft. In MEINEM Bett! Verfickt nochmal!“

„Sie hat verdammt gut auf sie aufgepasst.“ KEN! Er hatte sich von hinten angeschlichen, was bei dem Krach an Deck allerdings auch nicht schwer war…

„Was sollte ich auch machen?“, fragte ich entschuldigend: „Das kleine Biest der Schwuchtel hier überlassen? Vorher werfe ich sie über Bord.“

Einen Moment herrschte Stille.

Wen wirfst du über Bord?“ Gabbys Stimme klang für einen Moment etwas weniger krank. Ihre Augen begannen gefährlich zu funkeln.

„Äh… Die Schwuchtel…“, redete ich mich raus und zeigte auf Ken: „Die Schwuchtel hätte ich über Bord geworfen!“

„Gerade noch so gerettet, was?“, grinste der. „Kaffee jemand?“

Falsche Frage.

Immerhin war es die Kotze der Mutter, die sich jetzt mit der Rotze der Tochter auf meiner Schulter vermischte.

Photo by Sydney Sims on Unsplash

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Dieses Tagebuch beginnt in meinem neuen Roman:

J. – Forever

von Andrea Downey-Lauenburg

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Walter sagt:

    Wie hältst du eigentlich Kontakt zur Welt, Tammy/Andrea, Satelliten?

    Gefällt 1 Person

    1. Tammy sagt:

      Wenn wir vor einer Küste liegen (oder einer Marina) dann meist mit lokalen Pay-As-You-Go-Karten oder unseren englischen und amerikanischen Vertragsmobiles. Je nachdem was am Billigsten ist. Kommt auf den Ort an und wie lange wir bleiben. Draußen ausschließlich Satellit, aber dann so gut wie nur Social Media oder ganz kurze Videochats. Sehr teuer.

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  2. Walter sagt:

    Versuche das xte mal zu antworten
    , geht aber nicht, was ist los?
    Scheiße, bin ich auch allein am Ruder?

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