Klopapier-Patrouille

Endlich.

Wieder unterwegs. Es ist jedes Mal das Gleiche: Sobald wir eine Küstenlandschaft hinter uns lassen, beginne ich mich frei zu fühlen. Es ist so ähnlich wie nach dem Start meiner 737, wenn ich die Geschwindigkeit auf 240 Knoten reduziere und beginne mit stillem, aber stetigem Schub auf Reiseflughöhe zu klettern. Sobald wir die Wolken passiert haben, ist alles da unten vergessen.

Bis die Fluglotsen mir sagen, dass ich eine andere Route nehmen muss. Oder ich die Flughöhe wechseln soll. Oder was auch immer.

Das ist der Vorteil auf meinem Boot: Hier quatscht mir keiner dazwischen und ich entscheide selbst, wohin die Reise geht.

Na gut, die Dünung, die Wellen und der Wind haben natürlich auch noch ein Wörtchen mitzureden. Aber das ist ja gerade der Spaß dabei!

Was jetzt nicht heißt, dass ich meine 738 – und später meine coole Triple-Seven – nicht vermisse. Aber ganz ehrlich: Grenzenlos frei fühle ich mich nur auf dem Wasser. Wobei der Virus auch mir gerade gewaltig in die Suppe spuckt! Nichts ist mehr mit hinsegeln wohin man will.

Gut, auch vorher schon musste man ein wenig selektieren, doch da selektierte man ein paar Orte aus, die man nicht unbedingt besuchen musste. Syrien z.B. oder Somalia oder so manches asiatische Gebiet. Heute ist das anders herum: Heute selektiere ich nicht aus, sondern ein. Wohin kann man denn eigentlich noch segeln? Wo hat man die besten Chancen nicht monatelang in Quarantäne zu verbringen, wo wird man denn eigentlich überhaupt noch an Land gelassen? Oder wo gibt es ein Gesundheitssystem, das einem eine Chance zum Überleben erlaubt?

Ken und ich haben übrigens tägliche Sternennavigationsübungen und Wetterkunde ohne PassageWeather und NOAA angesetzt. Es ist ja alles ganz schön und ganz gut mit GPS und Co., doch was in den kommenden Jahren passiert – wer weiß das schon?

Eines weiß ich ganz sicher: Wenn die Lage immer schlechter wird und die bekloppten Waffennarren in den US die Waffenläden weiter leerkaufen, dann suchen wir uns mehr zivilisierte Gebiete. Die EU, New Zealand, Australien – wenn’s sein muss die Antarktik. Aber in der Nähe marodierender rassistischer MAGA-Horden hält mich nichts. Scheiß auf die Green Card!

Der Eintrag klingt duster? Warum denn? Wo spiegelt er etwas anderes als die aktuelle Realität wider?

Wenn uns hier draußen die Delphine schnatternd begleiten, wenn die Wale zum Gruß ihre Luft ausblasen, die Fischschulen direkt unter unserem Boot entlang ziehen, wenn Ken uns an einem gemütlichen Abend das Abendessen fängt – dann ist die Welt in Ordnung.

Virus? Was für ein Virus? Hat jemand einen Virus gesehen? Was ist das überhaupt? Hier gibt es so etwas nicht.

Woher genau wollen wir das eigentlich wissen? Weil wir „getestet“ wurden? Dieser lächerliche Abstrich in der Kehle, der lediglich besagt, dass das Virus sich gerade aktuell nicht an dieser Stelle herumtreibt. Ein paar Tage lang bleibt es dort. Kurz danach ist es längst, wo es kein Swap mehr entdecken kann: Viel weiter drinnen. Da helfen nur noch Bluttests und die werden nicht gemacht. Weil Kulturen anlegen ein wenig aufwendig ist? Weil die Zahlen explodieren würden? Anik, meine Toxikologinnen-Schwester, kann es mir nicht sagen. Alles, was sie weiß, ist, dass im Stuhl zwar totes Material gefunden werden kann, was aber immer noch nichts über eine eventuelle Immunität der betreffenden Person aussagt. Die Wissenschaft ist gerade mal am Anfang und versteht noch viel zu wenig.

Also woher sollen wir wissen, dass das Virus nicht doch irgendwo auf unserem Boot lauert? In uns oder um uns herum? Wir morgens symptomlos und am Abend tot sind? Richtig: wir können es nicht wissen.

Wir können nur weitermachen, so gut, so sicher und so vorsichtig wie möglich.

Das Ohr an den Nachrichten und die Finger in einer Frau.


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Dieses Tagebuch beginnt in meinem neuen Roman:

J. – Forever

von Andrea Downey-Lauenburg

Als Taschenbuch und Ebook bei Amazon


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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Walter sagt:

    Gute Reise und dass ihr alle gesund bleibt!

    Gefällt mir

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