Das Telefonat

Das Telefon klingelte eine halbe Stunde später.

„Ja?“

„Joana hier. Sorry, ich konnte gerade nicht drangehen“, war ihr erster Satz. Dann: „Hast du meinen Brief bekommen?“

„Ja, danke. Das Gartencenter habe ich auch bekommen.“

„Du bist immer noch böse auf mich.“ Es war keine Frage, es war eine Feststellung.

„Ja.“ Auch das war eine Feststellung. Ich war nachtragend. Schon immer gewesen. Eine meiner besseren Eigenschaften.

„Was kann ich tun, damit du nicht mehr sauer auf mich bist?“

Ich überlegte. Alles was mir im ersten Moment einfiel, wäre wieder in diese Fankategorie gefallen. Nackt tanzen und sowas. Ausserdem korrespondierte es nicht unbedingt mit meinem nachtragenden Wesen. Das nämlich verlangte nach Sühne. Mindestens.

„Zuerst einmal könntest du aufhören meine Wohnung mit Grünzeug zu füllen. Ich hasse Grünzeug.“

„Du lügst.“

Mist. War aber auch eine dumme Antwort gewesen. Ich hatte nichts gegen täglich frische Blumen. Schon gar nicht gegen Rosen. Von ihr.

„Meinetwegen. Dann lüge ich eben“, motzte ich, in Ermangelung einer intelligenten Antwort.

„Bist du wirklich so sauer auf mich?“

„Ja.“ Und das war noch nicht einmal gelogen.

„Ich habe aber auch wirklich noch nie im Leben so daneben gelegen, beziehungsweise so einen Schwachsinn von mir gegeben. Aber kannst du mich wirklich auch kein kleines bisschen verstehen?“

Irgendwie lief das Gespräch ins Leere… Ich schwieg. MIR fiel nichts ein.

„Was hältst du davon, wenn wir nachher zu mir…“

„Zu dir? In deinen Palast? No fucking way!“ Ich weiß nicht genau, warum ich das gesagt habe, doch vermutlich weil sich Fans umbringen würden um in Joanas Allerheiligstes zu gelangen. Und dabei stellte ich fest, dass diese Fan-Sache immer noch in mir brodelte.

„Zu dir dann?“

Ich wollte schon ja sagen, da fiel mir ein, dass Maze die vergangenen beiden Tage bei mir geschlafen hatte und ich keine Lust hatte, sie heute Abend hinauszuwerfen, nur weil ich für ein paar Stunden mit Joana allein sein wollte. Maze und ich schliefen fast immer zusammen: entweder sie bei mir oder ich bei ihr.

„Nein“, entgegnete ich knapp und ohne weitere Erklärung: „Aber was hältst du von Kino?“

„Eigentlich wollte ich mit dir reden…“, entgegnete sie leise.

„Was gibt es zu reden?“

„Ich möchte dir mein Verhalten erklären.“

„Hast du das nicht im Brief?“

„Doch. Aber vielleicht ist es besser, wenn ich es dir noch einmal direkt…“

„Hältst du mich für eine Analphabetin?“

„Verzeihst du mir?“

„Nach den fünfzehn Rosen vorhin habe ich angefangen es in Betracht zu ziehen.“

Jetzt fing sie an zu lachen.

„Vielleicht verzeihst du mir ja dann nach siebzehn Rosen komplett?“

Es klingelte.

Vor der Tür stand Joana mit einem riesigen Strauß roter Rosen in der einen und ihrem Handy in der anderen Hand.

Vielleicht war ich dann doch nicht so nachtragend…

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. TipTapping sagt:

    JETZT musste ich weinen

    Gefällt mir

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