Der Brief

Hey Tammy!

(„Hey Tammy“? Wer schreibt denn sowas?)

Da du nicht ans Telefon gehst und du auch keinen Anrufbeantworter hast, versuche ich es nochmal auf diesem Weg!

(Immerhin ist der Brief handschriftlich.)

Ich habe einen Fehler gemacht in Betracht zu ziehen, dass du an mir ein anderes Interesse als – na, du weißt schon – haben könntest.

(„Na, du weißt schon“? Was weiß ich?)

Ich habe nicht richtig nachgedacht als ich das gesagt habe, vielleicht war es auch die Uhrzeit, aber was ich da losgelassen habe, war kompletter Blödsinn. Ich weiß.

(Und wo ist die Entschuldigung?)

Aber du musst bitte auch mich verstehen: Wenn ich eine Freundschaft haben möchte, dann kann ich keinen Fan gebrauchen. Ganz im Gegenteil! Fans sind toll, ich freue mich, dass es sie gibt, doch sie zerstören unser Privatleben.

(Und was habe ICH damit zu tun?)

Es ist schwierig für mich: Auf der einen Seite sagst du, dass du verliebt in mich bist, seitdem du mich das erste Mal im Film gesehen hast – das ist genau das, was jeder Fan schreibt…

(F. R. E. C. H. H. E. I. T.!)

…andererseits behandelst du mich als wäre ich irgendeine dahergelaufene Idiotin. Vermutlich also genau wie ich dich.

(Öm…)

Das kann ich nicht einordnen, verstehst du?

(Ja.)

Ich möchte jetzt gerne schreiben, was ich empfinde, was mir sehr schwer fällt. Nicht, weil es mir generell sehr schwerfallen würde – ich bin ziemlich offen und glaube, ich bin mittlerweile auch alt genug, das tun zu können, ohne dabei noch rot zu werden.

(Quatsch nicht rum!)

Ich habe ein Problem damit, dass du lesbisch bist.

(WIE BITTE?!)

Okay, wie drücke ich das jetzt aus ohne das zu schnell Geschriebene durchstreichen zu müssen? Ich habe generell nicht das geringste Problem mit homosexuellen Menschen. Hätte ich das, wäre das lächerlich und krank. Es geht lediglich um dich!

Ich muss dir ein paar Dinge sagen, bei denen ich Angst habe, dass du sie falsch verstehen könntest, weil du nunmal lesbisch und in mich verliebt bist.

(Hä? KOMM ZUR SACHE!)

Versuche das jetzt bitte nicht falsch zu verstehen, okay?)

(Ich verstehe IMMER alles falsch. Ich bin die geborene Falschversteherin.)

Statt der vielen Blumen hätte ich dir am liebsten eine einzelne rote Rose geschickt.

(Öm…)

Und da kommen wir dann zum Thema „falsch verstehen“: Ich habe mich in dieser kurzen Zeit ganz schön in dich verknallt.

(Wo ist das Emoji mit den weit aufgerissenen Augen, wenn man es braucht?)

Ja, verknallt! In deine Art, dein Reden, dein Motzen, deine Unverschämtheiten, dein Verrückt- und gleichzeitig dein Erwachsensein, deine Chuzpe und irgendwie auch in dein Aussehen und deine bescheuerten Klamotten.

(IN MEINE BESCHEUERTEN KLAMOTTEN?!)

Was aber alles nichts daran ändert, dass ich 200% hetero bin.

(Was zu beweisen wäre… Und überhaupt: 200% – Wo hat die rechnen gelernt?)

Du hast alles, was ich mir von einer engen Freundin wünsche, aber da du lesbisch bist, weiß ich nicht ob dir das genügt.

(Tut es nicht. Aber das klären wir dann noch.)

Deshalb habe ich dir die Rose nicht geschickt: Ich möchte nicht damit dealen, dass du sie falsch verstehst und ich muss dann die Teile unserer Freundschaft einsammeln.

(Dann schick sie mir eben jetzt, Dummkopf!)

Wärst du hetero, wäre das alles viel leichter.

Wie auch immer – ich muss heute Nacht für zwei Tage nach Chicago und ich habe Angst, dass ich fliegen muss, ohne dass du mir diesen dämlichen Ausrutscher verziehen hast.

Es tut mir leid. Sehr leid.

Deine verdammt verknallte Joana

Öm…

Zwei Stunden später kam eine einzelne rote Rose. In einer edlen, hohen Vase in feuchter Watte frisch gehalten.

Scheiße, habe ich geheult.

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